Noch bevor man die Gänseherde von Heidi (39) und Christoph (42) Hebesberger sieht, hört man sie schon deutlich: 1500 Tiere schnattern angeregt und beginnen dicht aneinander gedrängt im Kreis zu watscheln, sobald sich ihnen eine fremde Person nähert und die Weide betritt. Jetzt ist es Zeit, dass Christoph Hebesberger seine Stimme erhebt und das gefiederte Volk beruhigt. Die Rolle des „Gänseflüsterers“ liegt ihm. „Wir haben schnell die Erfahrung gemacht, dass die Tiere sonst recht scheu werden und sofort weglaufen. Über die Stimme kann man schnell Vertrauen aufbauen. Seither raten wir auch anderen Gänsebauern immer, den sozia­len Kontakt mit ihren Tieren zu pflegen“, sagt Christoph Hebesberger.

Gänseproduktion: Ein Fall für Oberösterreich

Die Weidegänse kommen als Tagesküken auf den Hof. Die Brüterei ist in Neukirchen an der Vöckla (OÖ), knapp eine Autostunde von Nußbach entfernt. Der Gänse-Elterntier-Betrieb, von dem die Eier kommen, befindet sich im benachbarten Zell am Pettenfirst und damit ebenfalls in Oberösterreich. Beide Betriebe sind die einzigen die-ser Art in Österreich und beliefern sämtliche Mitgliedsbetriebe im Verein „Österreichische Weidegans“.

Sobald die Tiere geschlüpft sind, werden sie auf den Hof gebracht. Mit der „Babyaufzucht“ beginnt eine intensive Aufzuchtphase. Mittels Wärmelampe wird den Tieren ein 30 Grad warmes Nest geboten, zweimal täglich  gibt es frische Stroheinstreu. „In der Zeit sitzt mein Mann jeden Tag mindestens eine Stunde im Stall und redet mit den Küken. Er ist dann der Gänse­papa“, schmunzelt Heidi Hebesberger. Wenn das Wetter passt, gibt es nach drei Wochen den ersten stundenweisen „Babyauslauf“. „Es darf nicht zu kalt sein und auch nicht zu sonnig. Schließlich haben die Kleinen noch keine Federn und könnten Sonnenbrand bekommen“, sagt Heidi Hebesberger. Auch Zugluft vertragen sie in dieser Phase noch nicht.

Erster Babyauslauf für die „Gössel“

Nach sechs bis sieben Wochen haben die jungen „Gössel“ ihr Federkleid ausgebildet. Nun sind sie ganztags auf der Weide und beziehen daraus ihr Hauptfuttermittel: Bis zu einem Kilo Weidegras vertilgt eine Gans pro Tag. Für eine gute Fleischqualität ist frisches und somit eiweiß- und energiereiches Gras gefragt, weshalb in Koppelwirtschaft regelmäßig gewechselt wird.

Als „Betthupferl“ bekommen die Gänse am Abend eine Portion Getreide – im Stall. Das ist auch eine Vorsichtsmaßnahme, denn die Weiden der Familie Hebesberger liegen am Waldrand. „Sonst holt sie der Fuchs“, sagt Hebesberger. Die Gefahr ist real, wie die Gänsehalter in der Vergangenheit immer wieder mal bemerkt haben.

Die Herde wächst mit dem Kundenstamm

1999 wurden die ersten Gänse auf den Hof geholt. 50 Tiere waren es damals. „Die Schwiegereltern hatten nichts dagegen, was Neues auszuprobieren“, sagt die Bäuerin. Mit dem Kundenstamm ist auch die Herde gewachsen. Ein moderner Schlachtraum wurde 2005 geschaffen, seit dem Vorjahr komplettiert ein Hofladen den Ganslhof. Das Bett im Raum ist ein Blickfang, aber nicht nur: Seit die Familie auch die eigenen Daunen zu Decken und Pölstern verarbeiten lässt, können Kunden darin Probeliegen, um die passenden Produkte zu finden. „Unser Ziel war es immer, alles von der Gans zu verwerten. Die Idee, die eigenen Daunen zu vermarkten, hatte ich schon zehn Jahre im Kopf“, sagt Heidi Hebesberger. Eine Qualitäts-analyse bestätigte sie darin, denn durch das langsame Wachstum der Federn und Daunen sind diese besonders hochwertig. Seit 2017 werden die flauschigen Nebenprodukte auf einer selbst gebauten Anlage direkt am Hof gewaschen, geschleudert und getrocknet, ehe sie in Vorarlberg weiter verarbeitet werden.

Heidi Hebesberger in ihrem Hofladen
Daunen von den eigenen Gänsen

Gänsehaltung bedeutet geballte Arbeit: So braucht es allein beim Rupfen der Tiere viel Geduld, denn trotz Rupfmaschine muss etwa die Hälfte des Federkleids händisch vor- und nachgerupft werden. Federn und Daunen müssen zudem rasch weiterverarbeitet werden. „Wenn man sie liegen lässt, fangen sie nach zwei Tagen zu verwesen an“, weiß Hebesberger.

Jede helfende Hand ist gefragt: Neben dem Betriebsführer-Paar packen während der Hochsaison auch Eltern, Schwiegereltern und Kinder mit an, um das Pensum von bis zu 150 Schlachtgänsen pro Tag bewältigen zu können. Geschlachtet wird nur nach Vorbestellung – von privaten Stammgästen und regionalen Wirtshäusern.

Ein Festschmaus zu Martini

Das Motto „kein Stress“ gilt dann nur für das Federvieh: „Uns ist es wichtig, dass die Gänse beim Schlachten keinen Stress haben“, sagt Heidi Hebesberger. Sie selbst hat ab Ende Oktober keine freie Minute mehr, denn im November und vor Weihnachten ist Gänse-Hochsaison. Der 11. November ist für die dreifache Mutter nicht nur Martini-Tag, sondern auch Geburtstag. Auch wenn kaum freie Zeit bleibt – der diesjährige „Runde“ muss einfach gefeiert werden.

Die Weidegans aus Österreich

Heidi Hebesberger ist seit 2011 Obfrau des 1996 gegründeten Vereines „Österreichische Weidegans“, dem derzeit 270 bäuerliche Mitgliedsbetriebe angehören. 46.700 Gänse haben sie heuer eingestallt. Qualität steht im Vordergrund. Neben der heimischen Brutei­erzeugung und Brüterei gibt es Kooperationen mit regionalen Futtermühlen für das Startfutter, sodass es sich um ein zu 100 Prozent österreichisches Produkt handelt. ÖWG-Betriebe verpflichten sich auch dazu, pro Tier 100 Quadratmeter Weidefläche zur Verfügung zu stellen – das ist das Zehnfache des gesetzlichen Standards. Die Fleischqualität ergibt sich auch durch das langsame Wachstum der Tiere: Zwischen 20 und
26 Wochen werden Österreichische Weidegänse alt. Mastgänse aus Intensivhaltung im Ausland werden dagegen nach zwölf Wochen geschlachtet.

Betriebsspiegel: Geflügel und Zuchtsauen

Familie Hebesberger

Am Betrieb der Familie Hebesberger werden 26 Hektar Eigengrund (davon vier Hektar Wald) und sechs Hektar Pacht bewirtschaftet. Neben den jährlich 1500 Wei-
degänsen gibt es 90 Zuchtsauen am Hof, ein Teil davon wird gemästet. Enten und Hühner komplettieren das Geflügelangebot. Im Hofladen werden neben dem Frischfleisch und selbst gemachten Köstlichkeiten auch Daunendecken und -pölster angeboten. Am Betrieb leben Heidi und Christoph Hebesberger mit Tatjana (19), Jakob (15) und Kerstin (9) sowie Christine (71) und Karl (78) Hebesberger. Informationen: www.gansl-daune.at

Fotos: BZ/Cacha (3), Privat (3)

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