Eigenleistung beim Stallbau zwischen Fluch und Segen

Das Einsparungspotenzial durch intensive Mitarbeit bei Bauarbeiten im eigenen Betrieb wird häufig überschätzt und oft durch Minderleistung im Stall wieder zunichte gemacht.

Rundholzbau24-21104_Agrarfoto.jpg © agrarfoto.comGrößer Bei Bauvorhaben am Hof, zum Beispiel beim Stallbau, werden häufig erhebliche Investitionskostenminderungen durch die Eigenleistung des Landwirtes eingerechnet. Damit soll der Kapitaleinsatz (Investitionssumme) durch die Arbeit des Bauherren ersetzt werden. Aber rechnet sich dieser Arbeitseinsatz des Bauherren tatsächlich, oder bleiben Betrieb, Familie oder Gesundheit dabei auf der Strecke?

Unter dem Begriff der Eigenleistung wird landläufig der Einsatz von:

• betriebseigenen Baumaterialien (zum Beispiel Holz, Sand),

• vorhandenen Maschinen (Schlepper, Wagen, Radlader etc.) und

• von Arbeitsleistung des Landwirts, seiner Familie und anderer (Mitarbeiter, Freunde, Verwandte und viele mehr)

zusammengefasst.

In diesem Artikel bezieht sich der Begriff Eigenleistung ausschließlich auf den Arbeitseinsatz des Landwirts, seiner Familie oder anderer Personen – also auf die sogenannte "Muskelfinanzierung".

Viele Bauherren sind der Meinung, dass durch diese Eigenleistung beim Stallbau die Gesamtkosten des Neubaus sehr stark verringert werden können. Das ist aber fast immer ein Trugschluss.

Gebaut wird meist in arbeitsintensiver Phase

Ein Stallbau beginnt fast immer im Frühjahr oder Sommer und damit in einer für Milcherzeuger sehr arbeitsreichen Phase des Jahres. In dieser Zeit müssen die anstehenden Bestell- und Pflegearbeiten (Grünland, Silomais, Getreide etc.) sowie Erntearbeiten (Grassilagebereitung) zeitpunktgerecht erledigt werden, um auch im Folgejahr optimales Futter zur Verfügung zu haben.

Parallel dazu müssen Entscheidungen am Bau getroffen werden, die vielfach einen intensiven Informationsaustausch mit Beratern, Architekten, Zulieferern oder Kollegen erfordern. Zudem müssen Angebote eingeholt, Aufträge erteilt, Rechnungen bezahlt und Absprachen mit Handwerkern getroffen werden.

Da auch die Familie nicht zu kurz kommen soll (Ferien etc.), wird deutlich, dass viele Milchviehhalter kaum Eigenleistungen beim Bau einbringen können bzw. sollten. Auch wird die Baukostenreduktion durch die "Muskelfinanzierung" zumindest in der Milchviehhaltung vielfach überschätzt.

So werden bei 700 Stunden Eigenleistung und einer Ersparnis von 20 Euro je Stunde (gegenüber dem Handwerkerlohn) insgesamt "nur" 14.000 Euro eingespart (siehe Tabelle unten). Diese monetäre Eigenleistung erhöht sich im Beispiel auf 17.500 Euro, wenn die Ersparnis 25 Euro je Stunde beträgt.

Allerdings steht selten das entsprechende Werkzeug (Spezialmaschinen, Werkzeuganzahl bei mehreren Helfern etc.) zur Verfügung, um die Arbeiten ähnlich schnell wie der Handwerker, ausführen zu können. Zudem muss diese Eigenleistung in einem "engen Zeitfenster" während des Baus erbracht werden. Da sie häufig vom Fortschritt der verschiedenen Handwerker abhängt, ist sie zudem schlecht planbar.

Unterstellt man ein halbes Jahr als Bauzeitraum, in dem die 700 Stunden Eigenleistung erbracht werden sollen, so ergibt sich in dieser Zeit eine zusätzliche Arbeitsbelastung von täglich fast vier Stunden. Somit geht die Eigenleistung fast immer zu Lasten des operativen Betriebes.

Geringere Milchleistung, höherer Tierverluste

Dabei werden Routinearbeiten verschoben oder entfallen. Erntearbeiten verzögern sich und Management- bzw. Kontrollaufgaben werden "nebenbei oder nach Feierabend" erledigt. Das alles führt zu geringeren Milchleistungen, höheren Verlusten, schlechteren Fruchtbarkeitskennzahlen und oftmals höheren Erkrankungsraten der Tiere – also zu einer erheblich schlechteren Wirtschaftlichkeit der Milcherzeugung. Und wenn erst einmal die Milchleistung gesunken bzw. die Tiergesundheit beeinträchtigt ist, dauert es fast immer zwei bis drei Jahre, bis die Rentabilität und die Tiergesundheit wieder das Niveau des Ausgangsjahres erreicht.

In der Tabelle unten rechts sind die Auswirkungen einer verringerten direktkostenfreien Leistung (DfL) in Abhängigkeit von der Herdengröße dargestellt.

So verliert ein Betrieb mit 50 Kühen und einer um 100 Euro verringerten DfL im ersten Jahr 5000 Euro. Hinzu kommen in den zwei bis drei Folgejahren, die er fast immer benötigt, um wieder das Ausgangsniveau zu erreichen, nochmals 5000 Euro. Daraus ergibt sich ein Gesamtverlust von insgesamt 10.000 Euro.

Ist dieser beispielsweise auf die oben genannten 700 Stunden Eigenleistung (bei 25 Euro/Stunde Ersparnis) ursächlich zurückzuführen, so hat die Eigenleistung nur 7500 Euro eingebracht. Daraus ergibt sich eine effektive Einsparung von 11,53 Euro/Stunde. Das sind nur rund 46 Prozent der eigentlich kalkulierten Einsparung je Stunde. Die zusätzlichen Herdenmanagementaufgaben in den Folgejahren gab es unentgeltlich dazu.

Enorme nervliche Anspannung

Zudem werden der zusätzliche Stress und die körperliche Beanspruchung durch die Eigenleistung von vielen Landwirten erheblich unterschätzt. So ist die nervliche Anspannung des Bauherren (wie auch seiner Familie) während der Bauphase sowieso erheblich höher als im normalen betrieblichen Ablauf. Kommen dann noch Zeitdruck bei der Erbringung der Eigenleistung hinzu, kann dieses die Gesundheit erheblich beeinträchtigen.

Die einfachste Auswirkung ist eine erheblich höhere Gereiztheit. Aber auch massive körperliche Beschwerden wie beispielsweise Herz-Kreislauf- oder Schlafstörungen, vegetative Störungen des Magen-Darm-Traktes können die Folge sein. Häufig halten solche gesundheitlichen Beeinträchtigungen über die Bauphase hinaus an.

Aus den genannten Gründen ist die Eigenleistung beim Bau und die daraus resultierende Reduktion der Investitionssumme zu vernachlässigen. Eher sollten zeitliche Reserven eingeplant werden, um Freiraum bei möglichen familiären oder betrieblichen Problemen zu haben bzw. diesen zur körperlichen Regeneration zu nutzen.

Viel wertvoller als der Einspareffekt durch die Eigenleistung, ist die Gesundheit des Betriebsleiters sowie eine weiterhin möglichst optimale Rentabilität der Milcherzeugung. Nur dadurch gelingt ein hervorragender Start im neuen Stall.

Dipl.-Ing. Bernd Lührmann

LWK Niedersachsen

Auf einen Blick

Die Eigenleistung als probates Mittel zur Senkung der Investitionskosten beim Stallbau (Arbeitszeit) ist zu vernachlässigen. Sie führt oftmals zu erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen des Betriebsleiters und einer verringerten Wirtschaftlichkeit der laufenden Milcherzeugung. Denn die dafür erforderliche Zeit steht nur selten, zusätzlich zum laufenden Betrieb, zur Verfügung. Somit werden notwendige Arbeiten in der Milcherzeugung nicht zeitnah erledigt oder sogar unterlassen.
Einsparpotenzial durch Eigenleistung beim Bauen.jpg © ArchivGrößer
Verlust durch weniger Leistung.jpg © ArchivGrößer

09.07.2010