Technik für den Hackfruchtanbau: Wohin die Entwicklung geht

Unter der Moderation von Roland Hörner (r.) vom DLG-Fachzentrum Landwirtschaft nahmen Prof. Arno Ruckelshausen (HS Osnabrück), Tobias Mugele, Martin Vaupel (LWK Nds.), Michael Gruber (Ropa), Michael Gallmeier (Holmer) und Sebastian Talg (Grimme) Stellung (v. l. n. r.). Foto: DLG

“Nicht lang überlegen, sondern einfach mal machen!“ Ob beim Identifizieren neuer Geschäftsfelder, in der Entwicklung oder in der landwirtschaftlichen Praxis: Ein schnelles „Ausprobieren“ mit kontinuierlicher, enger Rückkopplung und Verbesserung von Konzepten und Prozessen war das große Thema der 17. Fachtagung „Land.Technik für Profis“ zum Thema „Technik für den Hackfruchtanbau“, die am 27. und 28. Februar 2018 im Hause der Grimme Landmaschinenfabrik GmbH & Co. KG in Damme (D) stattfand. Kaum hatte Christoph Grimme vom gastgebenden Unternehmen in seinem Impulsvortrag dieses Startup-Konzept anhand der Grimme-eigenen „Schmiede.One“ beschrieben, stellten viele Vortragende aus Landtechnik und Praxis Parallelen zu dieser Denkweise her.

„Ähnlich wie in der Industrie 4.0 werden Farm-Management-Systeme in der Zukunft nicht nur bei der Dokumentation helfen, sondern zu maximaler Transparenz beitragen und große Hilfen bis hin zu autonomen Entscheidungsprozessen für den Betrieb liefern“, so Prof. Peter Pickel, Vorsitzender des VDI-Fachbereichs Max-Eyth-Gesellschaft Agrartechnik (VDI-MEG) zur Veranstaltungseröffnung. Er wies dabei auf die besondere Bedeutung einer flächendeckenden 5G-Infrastruktur hin, denn erst mit dieser immer und überall verfügbaren Datengeschwindigkeit werde es möglich werden, Regelschleifen in der Cloud abzubilden.

„Nach den Produktionssteigerungen durch die Mechanisierung in den letzten Jahrzehnten stehen heute Verbesserungen in der Bedienbarkeit auf der Agenda“, sagte DLG-Präsident Hubertus Paetow bei seiner Grußansprache vor den rund 280 Teilnehmern, darunter rund 90 Praktiker. Zu den wirtschaftlichen Aspekten der zunehmenden Mechanisierung ergänzte er: „Wir haben manuelle Arbeit durch Kapital ersetzt und müssen nun in einem nächsten Schritt mögliche negative Auswirkungen unserer Arbeitsweise durch Kapital ersetzen. Hier ist als Beispiel insbesondere der Schritt von einer chemischen zu einer automatisierten mechanischen Unkrautbekämpfung zu nennen.“ Dies in einem Umfeld zunehmender Instabilität in Produktion und Preisen zu bewerkstelligen, sei die besondere Herausforderung für die Zukunft.

Veränderte Rahmenbedingungen verändern die Märkte

Die vielfältigen Herausforderungen, die sich zuletzt auf dem Zuckermarkt ergeben haben, skizzierte Andreas Windt von der Nordzucker AG in Braunschweig (D). Für die Zuckerindustrie und demzufolge auch die Landwirtschaft bedeute dies, dass man nicht nur produzieren müsse, was der Markt wolle, sondern dies auch auf eine Art tun müsse, wie der Markt es wolle. Im Gegensatz zu Themen wie Neonicotinoide und Azole sowie Zucker in der Ernährung, die eher auf der verarbeitenden bzw. politischen Ebene angesiedelt seien, stelle der Ersatz von Glyphosat und der Biscarbamate Phenmedipharm bzw. Desmedipharm sowie die Rückführung der Rübenerde die Landtechnik vor besondere Herausforderungen. Insbesondere bei der automatisierten mechanischen Bestandespflege seien hier die Erkennung früher Rübenstadien vor dem 6-Blatt-Stadium und deren automatische Unterscheidung von Unkräutern sowie ein effizientes Hacken zwischen den Reihen genannt.

Im Kartoffelanbau hingegen seien zurzeit weniger Produktions- als vielmehr logistische Aspekte im Fokus der Verarbeiter, machte Jürgen Bruer von der Agrarfrost GmbH & Co. KG in Wildeshausen klar. Aufgrund der am Markt geforderten, gleichbleibend sehr hohen Qualität gerade für Pommes-frites-Kartoffeln müsse das Erntegut in der Logistik entsprechend des Reifegrads getrennt und bis zum Feld rückverfolgbar in der Fabrik angeliefert werden. Somit werde die gesamte Wertschöpfungskette „Kartoffel“ weiter integriert werden, auch damit der Verarbeiter bereits frühzeitig die in Kürze ankommenden Qualitätsstufen kenne und seine Prozesse darauf abstimmen könne.

Variabilität im Anbau nimmt zu

Ob über eine effiziente, softwaregestützte und in der Cloud angesiedelte Anbauplanung mit integrierter Verfahrensoptimierung, wie sie der Landwirt Daniel Feiter aus Linnich (NRW, D) vorstellte, oder über die GPS-abhängige, d. h. standortbezogene Variation der Ablageweiten, die Prof. Yves Reckleben von der FH Kiel präsentierte, oder durch eine höhere Düngereffizienz über bodenabhängige Unterfußdüngung beim Legen der Kartoffel, wie sie Erken Block vom gastgebenden Unternehmen Grimme darstellte: Sowohl über den ganzen Betrieb, als auch über den jeweiligen zu bestellenden Schlag nehme die Variabilität im Anbau zu. Denn speziell bei deutlichem Mehrerlös pro Hektar durch Steigerung des Anbaus besonders marktgängiger Ware würden sich die Investition in Technik rechnen oder – wie im Falle des Landwirts Feiter mangels kommerziell erhältlicher Alternativen mit entsprechendem Funktionsumfang – die Entwicklung einer eigenen Betriebssoftware.

Automatisierte mechanische Bestandespflege noch im Entwicklungsstadium

„Viel Neues in der Pipeline, aber…!“ war das Fazit von PD Markus Gandorfer von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Freising (D), der einen Überblick über die automatisierte mechanische Unkrautregulierung gab. Nach seiner Bewertung bietet diese vielfältige ökonomische und ökologische Vorteile, die sich auch inzwischen in einer Förderung der Entwicklung entsprechender Methoden niederschlagen würden. In Summe stecke die Technik aber teilweise noch in den Kinderschuhen. Dieser Eindruck bestätigte sich in den Ausführungen von Tobias Mugele von Deepfield Robotics, einem Startup für autonome Landmaschinen der Robert Bosch GmbH in Rennigen. Im Prototypenstatus könnte einer ihrer Jäte-Roboter rechnerisch ca. 20 ha unkrautfrei halten – auf Basis von ca. 400 aufgelaufenen Unkräutern pro Quadratmeter im Biobereich gerechnet.

„Wir kommen vom Level der Pflanzen und sind heute durch die Mechanisierung auf Hof-Level. Wir müssen zurück!“ so das Credo des niederländischen Kartoffelanbauers Jacob van den Borne aus Reusel, der als einer der Pioniere des Precision Farming den kompletten Jahreszyklus von der Bodenkartierung und Fahrgassenplanung im Winter bis hin zur Ein- und Auslagerung der Kartoffeln im Herbst auf digitale Füße gestellt hat. Insbesondere die Erfassung von Daten treibt den Niederländer dabei an, damit er seine Bestände genau kennt, auch wenn ein Mitarbeiter dort tätig war, und damit er Anbau, Düngung, Pflanzenschutz und Bewässerung auf Standort und Pflanzenstatus genau abstimmen kann. Zwar hat er mit Precision Farming sehr gute Erfahrungen gemacht („Wenn es funktioniert, ist es gut für meinen Geldbeutel und für die Umwelt!“), er warnt allerdings auch davor, die Digitalisierung als Selbstläufer zu betrachten.

Aktuelle Ernte- und Logistik-Konzepte erreichen ihre Grenzen

Michael Gallmeier von der Holmer Maschinenbau GmbH in Schierling-Eggmühl (Bayern) identifizierte zwei wesentliche Herausforderungen an die Zuckerrübenernte. So erzeuge die Marktöffnung zunächst einen ungeheuren Kostendruck auf die gesamte Produktionskette, außerdem sei die mögliche Anzahl von Rodern in Deutschland beschränkt, weil sich auch jetzt schon kaum noch qualifizierte Roderfahrer fänden. Genau in den Fahrern und einer sinnvollen Feldlogistik stecke aber noch das zu hebende Potenzial, um auch weiterhin steigende Spitzenerträge von heute mehr als 130 t/ha mit möglichst minimalen Doppelbefahrungen der Flächen erreichen zu können. Hier seien Erweiterungen der Reihenzahl auf neun- oder zwölfreihige Roder, die Entkopplung von Roder und Bunker, d. h. Überladefahrzeuge, die den Transport auf dem Feld ermöglichen sowie vor allem fahrerentlastende Assistenzsysteme gefragt. Prinzipiell sollten Lösungen aber über die gesamte Kette gedacht werden.

Auch in der Kartoffelernte werden im steigenden Maße Fahrerassistenzsysteme eingesetzt, wie Dr. Rupert Geischeder von der ROPA Fahrzeug- und Maschinenbau GmbH in Sittelsdorf (Bayern) berichtete. Bei einem hohen Eigenmechanisierungsanteil auf den Betrieben stehe vor allem die gezogene 2-reihige Technik im Fokus künftiger Investitionen. Eine weitere Optimierung der leistungsfähigen Ernteverfahren könnte durch Feldrandmieten und/oder mobile Überladestationen erreicht werden.

Die Wirtschaftlichkeit einer direkten LKW-Verladung am Feldrand im Vergleich zu Tridem-Muldenkippern stellte Bernd Kay von der MFP Agrar GmbH in Renningen (D) dar. Gerade durch die Anforderung, anfallende Kartoffelerde wieder auf das Feld zurückbringen zu müssen, von dem sie mit den Kartoffeln zur Einlagerung oder Fabrik transportiert wurde, mache sich hier stark bemerkbar: Je nach Erdanteil könnten durch die zusätzliche Reinigung bei der LKW-Verladung am Feldrand bis zu 83 €/ha geringere Kosten gegenüber dem Traktortransport erreicht werden.

Ebenfalls mit betriebswirtschaftlicher Kostenrechnung – in diesem Fall der losen oder Kistenlagerung beschäftigte sich Burkhard Wulf von der Versuchsstation Dethlingen in Munster (Niedersachsen, D). Je nach den betriebsspezifischen Anforderungen müsse das Optimum der Kostenkurve unter den jeweiligen Lagerbedingungen, Kistengrößen und Belüftungssystemen immer genau herausgearbeitet werden. Denn: „Logistik ist ein Kostentreiber!“

Einen direkten Vergleich zwischen Kartoffel- und Zuckerrübenernte zog Hauke Mertens vom Maschinenring Lüchow (Niedersachsen, D). Er bestätigte, dass es durch die hohe Integration entlang einer Logistikkette viele Stellschrauben zu bedenken gelte – von Verladung, Transport und Entladung bis hin zur Abschlussreinigung der Straße.

Maschinengrößen – haben wir die Grenzen erreicht?

In der abschließenden Podiumsdiskussion waren sich die Teilnehmer weitgehend einig, dass die Maschinen alleine durch die Straßenverkehrsvorschriften an ihre Grenzen gestoßen sind. Für das nötige Mehr an Schlagkraft seien nun mittelfristig Assistenzsysteme, Automatisierungen, andere Materialien und Antriebe für niedrigeres Eigengewicht erfolgversprechend, aber auch Prozessoptimierungen beim Landwirt, denn: „Gutes Roden beginnt mit perfekter Aussaat!“. Langfristig müssten möglicherweise die Erntekonzepte insgesamt neu übergedacht werden – hier könnten Sensoren und Aktoren, d. h. insgesamt die Robotik eine wichtige Rolle übernehmen.
Quelle: DLG

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  • Podiumsdiskussion: © DLG
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