Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sind Rinderbäuerin oder Rinderbauer und gehen in den Stall. Soweit ganz gewöhnlich. Vorher setzen Sie aber eine Brille auf, die an jene in einem Drei-D-Kino erinnert, nur um einiges größer ist. Während Sie von Kuh zu Kuh gehen, erscheint vor Ihren Augen in die Luft projiziert  ein Bedienerfeld wie am Computer, wo Sie ablesen können, wann Alma, Erni und Zenzi belegt wurden, wann sie kälbern sollen und wie es um ihre Gesundheit steht.

Das ist kein Ausschnitt aus einem landwirtschaftlichen Sciene-Fiction-Film, sondern ein Abriss dessen, was in der Tierhaltung bereits möglich ist oder zumindest in der Zukunft möglich werden soll. „Erweiterte Realität“ nennt es sich oder im Fachjargon
„augmented reality“. „Die reale Welt des Landwirts wird mit digitalen
Informationen kombiniert“, lautet die vielversprechende Definition. Stall und Kühe existieren also weiter, die Informationen darüber sind aber digital gespeichert und direkt im Stall – ohne Handy und Computer – abrufbar.

Die Vermessung der Kuh

Das holländische Unternehmen „nedap“ hat eine solche Technologie entwickelt, das schon eine Draufgabe auf Management- und Überwachungssysteme ist. Wobei ja letztere eigentlich bereits einer näheren Beschreibung bedürfen. Denn Management- und Überwachungssysteme sind in der Tierhaltung eindeutig auf dem Vormarsch. Ihnen zugrunde liegt die auto­matische Erfassung von Daten und ihre Übermittlung aufs Handy oder den Computer von Bäuerin und Bauer. Die gesammelten Daten sollen, wie der Name sagt, das Management der Herden erleichtern und bestenfalls für Bäu­erin und Bauer die Arbeit verringern.

Ein Chip im Pansen, der Wiederkautätigkeit und pH-Wert misst und die Informationen auf das Handy spielt, um Rückschlüsse auf Gesundheit und Trächtigkeit der Kuh zu geben. Eine automatische Torsteuerung im Stall, die in einer App überblickt werden kann. Ein Klauenscanner, der per Ultraschall die Klauengesundheit misst und in ein Analysesystem einspeist. Oder die schon richtig futuristisch klingende „berührungslose Vermessung der Kuh“, die mit einem 3D-Bildanalysesystem Körperkondition und Gangbild der Kuh erfasst.

Das alles gibt es bereits und auch österreichische Unternehmen mischen kräftig mit. Inwieweit diese Technologien für österreichische Betriebe relevant sind, wird je nach Innovation unterschiedlich betrachtet. Doch muss der begrenzende Faktor nicht zwingend die Betriebsgröße sein. Kuhüberwachungssysteme sind auch bei mittleren Herdengrößen – wenn etwa bereits ein Melkroboter eingesetzt wird – denkbar.

Geruchsreduktion im Schweinestall

Was bei der EuroTier ebenso auffällt und auch im Vorfeld bereits durch DLG-Geschäftsführer Reinhard Grandke – die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) richtet die EuroTier aus – kommuniziert wurde, ist die zunehmende Mitsprache des Konsumenten in punkto Haltung der Tiere. Bestes Beispiel dafür sind die Entwicklungen bei den Haltungskonzepten für Schweine. Während die Diskussion um den Ferkelschutzkorb „durch ist“, so sagt es Karl-Heinz Denk vom oberösterreichischen Stalltechnikunternehmen „Schauer Agrotronic“, erreicht die Tierwohldiskussion nun die Schweinemast. „Es ist ein Zug, der in Bewegung ist“, drückt es Denk aus. Mit der „Nature Line“ hat sich das Unternehmen auf Tierwohlställe spezialisiert. Dabei geht es nicht nur um mehr Platzangebot oder Gruppenhaltung, sondern auch um die unmittelbaren Auswirkungen auf die Umgebung – sprich die Emissionen. Das zum Patent angemeldete System verfügt unter anderem über eine spezielle Schieberentmistungstechnik. Harn und Kot werden durch Harnabflussrinnen und durch mehrmaliges Abschieben des Kotes mittels Unterflurschrappern getrennt. Dadurch wird die Bildung von Ammoniak und damit die Geruchsentwicklung deutlich verringert. In Entwicklung ist außerdem eine Oberflurentmistung. Der nächste Schritt zur getrennten Sammlung von Kot und Harn wäre dann die Weiternutzung, also etwa der Einsatz der Feststoffkomponenten in der Biogasproduktion.

Ein Konzept zur Oberflurentmistung und Trennung von Kot und Harn

Zurück zur Natur in der Fütterung

Die Emissionsreduktion kann aber auch schon eine Stufe früher – nämlich in der Fütterung – beginnen. Der oberösterreichische Futtermittelhersteller „Fixkraft“ will sich diesem Thema zukünftig verstärkt widmen, sagt deren Geschäftsführer Rupert Bauinger. Derartige Argumente sollen langfristig die Bäuerinnen und Bauern zum Beispiel bei notwendigen UVP-Verfahren entlasten. Die zwei Säulen einer solchen Emmissionsreduktion sind die optimale Futterverwertung und die richtigen Zusatzstoffe. Bei den Zusatzstoffen arbeitet Fixkraft seit Jahren mit der ebenso oberösterreichischen Firma Delacon zusammen, die sich der Produktion von pflanzlichen Zusätzen verschrieben hat. Neben der Leistung rückt also auch in punkto Fütterung die Tiergesundheit stärker in den Fokus.

- Bildquellen -

  • Nedap CowControl Augmented Reality Pregnancy Check: nedap
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