Wer wissen will, wie es um die heimischen Äcker bestellt ist, muss tief in die Buchhaltung blicken. Genau das macht Hannah Bartling, Gesellschafterin der deutschen Betriebsberatung BB Göttingen GmbH. Auf dem Fachtag Ackerbau der Wintertagung des Ökosozialen Forums präsentierte sie zu Jahresbeginn schonungslos ehrliche Zahlen. Ihr Beratungsunternehmen wertet jährlich die Daten von rund 450 landwirtschaftlichen Betrieben aus, wovon der Großteil in Deutschland, aber auch mehr als 40 Höfe in Österreich – vornehmlich in Niederösterreich und im Burgenland – liegen.
Die wichtigste Erkenntnis gleich vorweg: Die heimischen Betriebe haben kein strukturelles, sondern aktuell vor allem ein konjunkturelles Problem. Wenn man die Vollkosten der Weizenproduktion im Zeitraum 2021 bis 2024 betrachtet, zeigt sich, dass im Schnitt 230 Euro pro Tonne erlöst werden mussten, um vollkostendeckend zu arbeiten. Dies ist in diesem Zeitraum auch gelungen, die Betriebe haben Geld verdient.
Die aktuelle Lage: Unter den Vollkosten
Doch die Realität sieht aktuell anders aus: Markterlöse zwischen 170 und 190 Euro pro Tonne Weizen ab Hof decken die Vollkosten bei Weitem nicht. Das drückt naturgemäß die Stimmung. Dennoch gibt Bartling Entwarnung: Zwar produziert man in Österreich im direkten Vergleich etwas teurer als etwa in Deutschland, dank Ausgleichszahlungen und einer höheren Marktleistung schaffen es die heimischen Betriebe unterm Strich aber, bessere Ergebnisse zu erzielen. So wiesen die analysierten österreichischen Betriebe zuletzt einen Reinertrag von 181 Euro pro Hektar auf, während vergleichbare Betriebe in Ostdeutschland nur 116 Euro erreichten.
Es kommt auf das Management an.
Hannah Bartling
Zudem macht ein Blick auf die langfristige MATIF-Entwicklung (Börsenpreise für Raps, Mais und Weizen) seit dem Jahr 1999 Hoffnung. Zwar befinden sich die Preise momentan deutlich unter der langfristigen Trendlinie, historisch gesehen haben sich die Märkte jedoch immer wieder erholt und an den Trend angenähert. Dass aktuell weltweit kaum jemand zu diesen Preisen vollkostendeckend produzieren kann, spricht dafür, dass sich der Markt mittel- bis langfristig wieder auf ein höheres Gleichgewicht einpendeln wird.
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Die Deckung der Vollkosten ist nicht nur für hiesige Ackerbauern herausfordernd.
Der Mythos von Größe und Bodenpunkten
Wer macht nun aber in Krisenzeiten die besten Gewinne? Die Antwort überrascht. Bartling hat die konventionellen österreichischen Betriebe in drei Leistungsgruppen geteilt: das obere Viertel, den Durchschnitt und das untere Viertel.
Betriebsgröße ist nicht entscheidend: Die besten 25 Prozent der Betriebe waren im Schnitt kleiner als der Gruppendurchschnitt und auch kleiner als das schwächste Viertel.
Bodenqualität ist kein Garant: Auch bei der Ackervergleichszahl (Bodenpunkte) lagen die Spitzenreiter unter dem Durchschnitt der restlichen Gruppe.
Chancen für alle: Eine Streuungsgrafik der Beraterin beweist, dass ein Betrieb mit 80 oder 100 Hektar genauso Reinerträge von 700 Euro pro Hektar erzielen oder 500 Euro Verlust machen kann wie ein Großbetrieb mit mehreren tausend Hektar.
Größe und beste Böden machen also nicht automatisch ein gutes Ergebnis. Es kommt auf das Management an.
Konventionell oder Bio?
Eine weitere strategische Entscheidung ist die Wirtschaftsweise. In der österreichischen Auswertungsgruppe wirtschaftet fast die Hälfte der Betriebe biologisch. Langfristig betrachtet lag der Durchschnitt der konventionellen Betriebe beim Reinertrag in der Vergangenheit oft leicht über den Biobetrieben. Vor allem während der Preisrallye durch den Ukraine-Krieg konnte der Biomarkt nicht in gleichem Maße mitziehen.
Doch das Blatt wendet sich: Durch den massiven Preisabsturz am konventionellen Markt wird für das Wirtschaftsjahr 2025/26 erwartet, dass die biologisch wirtschaftenden Betriebe wieder deutlich bessere Ergebnisse einfahren werden. Biobetriebe lösen sich ein Stück weit vom Weltmarkt, sind im Gegenzug aber abhängiger von Prämien und der öffentlichen Hand. Der Förderunterschied liegt in den Auswertungen bei etwa 130 Euro pro Hektar zugunsten der Biobetriebe, was in manchen Jahren ausreicht, um fehlende Marktleistungen auszugleichen. Beide Wege können somit am richtigen Standort zur Wettbewerbsfähigkeit führen.
Die Stellschrauben für mehr Gewinn
Wenn Größe und Boden nicht ausschlaggebend sind, woran können Landwirte dann konkret drehen? Hannah Bartling identifiziert klare Bereiche, in denen in der Praxis das meiste Geld liegen bleibt.
Vermarktung: Aufhören zu spekulieren
Die größte Schwachstelle vieler Betriebe ist die Vermarktung. Eine Analyse aus dem Wirtschaftsjahr 2022/23 zeigte: Hätten die Landwirte einfach stur zum zeitlichen Durchschnittspreis der Börse (abzüglich Transport) verkauft, hätten sie 295 Euro pro Tonne Weizen erlöst. Der tatsächliche Durchschnitt der beratenen Betriebe lag jedoch nur bei 277 Euro.
Der Verlust: Bei acht Tonnen Ertrag pro Hektar haben die Betriebe fast 140 Euro pro Hektar an potenzieller Marktleistung verloren, nur weil sie zum falschen Zeitpunkt verkauft oder ohne vorherige Preisabsicherung abgeliefert haben.
Die Lösung: Feste Vermarktungsstrategien etablieren und Teilmengen zu festen Zeitpunkten verkaufen, statt darauf zu hoffen, „schlauer als der Markt“ zu sein. 140 Euro pro Hektar durch bessere Vermarktung zu gewinnen, ist oft einfacher, als denselben Betrag mühsam bei Dünger oder Pflanzenschutz einzusparen.
Saatgut und Dünger: Effizienz hinterfragen
Auf der Kostenseite gibt es enorme Spannen zwischen den Betrieben. Selbst bei vergleichbaren Höfen mit ähnlichen Böden und Erträgen variieren die Direktkosten extrem.
Saatgut: Die Auswertungen zeigen einen Korridor von fast 60 Euro pro Hektar Unterschied bei den Saatgutkosten – bei exakt gleicher Marktleistung am Ende. Hier gilt es zu prüfen: Gibt es alternative Anbieter?
Düngung: Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Dünger. Manche Landwirte geben 100 Euro pro Hektar mehr für Düngemittel aus, um am Ende dieselbe Marktleistung zu erzielen wie ihre effizienteren Kollegen. (Vorsicht ist jedoch geboten: Wer ständig auf Kosten der Bodenreserven unter Entzug düngt, ist zwar kurzfristig billig, aber nicht nachhaltig erfolgreich.)
Maschinen und Arbeit: Den „Luxus“ streichen
Besonders in Niedrigpreisphasen rächen sich strukturelle Überkapazitäten. Es ist wirtschaftlich fatal, sich einen zusätzlichen Mitarbeiter oder einen extra Traktor nur aus Bequemlichkeit oder für vermeintlich nötige Flexibilität zu leisten. Hier müssen die Fixkosten gnadenlos hinterfragt werden.
Fazit: Mut zur Veränderung
Um wettbewerbsfähig zu bleiben, braucht es in einem ersten Schritt schonungslose Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Hannah Bartlings Rat an die Praxis ist simpel, aber fordernd: Die eigenen Kosten genau aufschreiben, auf den Hektar herunterbrechen und mit Berufskollegen vergleichen. Wer nicht weiterweiß, sollte Experten oder Pflanzenbauberater hinzuziehen.
Am Ende braucht es vor allem den Mut, tatsächliche Veränderungen im Betriebsablauf durchzusetzen – sei es durch den Verkauf eines Traktors, die Reduktion von Düngemitteln oder den Test von nachgebautem Saatgut. Die Bedingungen für einen wettbewerbsfähigen Ackerbau in Österreich sind jedenfalls gegeben.
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