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„Der landwirtschaftliche Sektor braucht Frauen“

Die Irin Carina Roseingrave bewirtschaftet einen gemischten Betrieb. Im Interview mit der BauernZeitung betont sie: Die Rolle der Bäuerinnen muss weltweit stärker wahrgenommen werden.

Irlands Botschafterin für das heurige Internationale Jahr der Bäuerinnen heißt Carina Roseingrave. Sie bewirtschaftet gemeinsam mit ihrem Bruder einen landwirtschaftlichen Betrieb im irischen County Clare. Milchvieh, Rinder und Freilandeier gehören zu den Betriebszweigen. Im Gespräch mit der BauernZeitung ist es für sie eine große Freude Bäuerin sein zu dürfen und den familiären Betrieb weiterzuführen. Eine Herausforderung sieht sie allerdings bei der Vereinbarkeit von Landwirtschaft und Familie. Roseingrave hat zwei kleine Töchter. Ohne ein direktes familiäres Unterstützungsnetzwerk sei es für Frauen nach wie vor schwierig, einen Betrieb ohne Einschränkungen weiterzuführen, wenn sie eine Familie gründen möchten.

Viele Frauen arbeiten mit, sind aber nicht Betriebsinhaberinnen

Wie viele Frauen tatsächlich in der irischen Landwirtschaft tätig sind, lässt sich deshalb nicht allein anhand der Zahl weiblicher Betriebsinhaberinnen ablesen. Die der irischen Forschungsanstalt Teagasc weist aktuell einen Frauenanteil von 13,4 Prozent bei den Betriebsinhabern aus. Dieser Anteil hat sich seit 1991 nur wenig verändert. Roseingrave verweist im Interview darauf, dass daneben rund 70.000 Frauen in der irischen Landwirtschaft tätig seien, ohne dass eine Herdennummer mit ihrem Namen verbunden sei. Ähnliche Angaben finden sich auch in irischen Untersuchungen zur weiblichen Mitarbeit auf Familienbetrieben. Sie zeigen, dass zwischen der offiziellen Betriebsinhaberschaft und der tatsächlichen Mitarbeit auf Höfen ein deutlicher Unterschied bestehen kann.

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Auch die „HER-SELF-Untersuchung“ Maynooth-Universität, Teagasc und der Technologischen Universität Munster kommt zu dem Schluss, dass Frauen in der Landwirtschaft häufig weniger sichtbar und weniger stark als eigenständige Landwirtinnen wahrgenommen werden. Als Faktoren nennt die Studie unter anderem Zugang zu Land, Hofübergabe sowie die Vereinbarkeit von Landwirtschaft, außerlandwirtschaftlicher Arbeit und Betreuungspflichten.

Diversifizierung als Chance

Einen Bereich, in dem Frauen nach Erfahrung von Roseingrave besonders aktiv sind, sieht sie in der Diversifizierung. Gerade bei der Vermarktung landwirtschaftlicher Produkte direkt an Konsumenten gebe es Möglichkeiten, zusätzliche Wertschöpfung auf dem Betrieb zu halten. Als Beispiel nennt sie Milchviehbetriebe: Statt die Milch ausschließlich über bestehende Absatzwege zu vermarkten, könnten Bäuerinnen überlegen, Milch direkt zu verkaufen oder daraus weitere Produkte herzustellen. Käse, Joghurt und Eiscreme seien Beispiele dafür. „Frauen sind absolut großartig darin, landwirtschaftliche Betriebe zu diversifizieren. Wenn sie direkt verkaufen, haben sie Kontrolle über ihren Milchpreis“, sagt Roseingrave.

Auch Teagasc hebt Frauen in der Landwirtschaft als wichtige Akteurinnen bei Innovation, Unternehmertum und der Weiterentwicklung landwirtschaftlicher Betriebe hervor. Die Organisation bietet deshalb eigene Informations-, Bildungs-, Netzwerk- und Unterstützungsangebote für Frauen in der Landwirtschaft an.

Internationales Jahr der Bäuerin

2026 steht die Rolle von Bäuerinnen international besonders im Mittelpunkt. Die Vereinten Nationen haben das Jahr zum Internationalen Jahr der Bäuerin erklärt. Ziel ist es unter anderem, auf die Bedeutung von Frauen entlang der Agrar- und Ernährungssysteme aufmerksam zu machen und bestehende Benachteiligungen sichtbar zu machen.

Auch die irische Ratspräsidentschaft widmet dem Thema Aufmerksamkeit. Carina Roseingrave wurde - wie schon oben erwähnt - von Irland als Botschafterin für das Internationale Jahr der Bäuerin 2026 vorgestellt. Die irische Ratspräsidentschaft beschreibt ihre Geschichte als Beispiel für die Rolle von Frauen in der Landwirtschaft und für Diversifizierung im ländlichen Raum. Roseingrave selbst sieht das Internationale Jahr als wichtige Gelegenheit, Frauen in der Landwirtschaft mehr Anerkennung zu geben. Viele Jahre seien Bäuerinnen wenig sichtbar gewesen, sagt sie. Für sie geht es dabei nicht nur um Irland. Sie würde gerne andere europäische Betriebe kennenlernen und sehen, wie dort gewirtschaftet wird. Denn Reisen und der Austausch mit anderen Landwirten könnten neue Ideen bringen, die anschließend am eigenen Betrieb umgesetzt werden.

Auch bei der Hofnachfolge zeigt sich ein Ungleichgewicht

Dass die stärkere Sichtbarkeit von Frauen nicht nur eine Frage der Wahrnehmung ist, zeigen auch die aktuellen Daten zur Hofnachfolge. Nach Angaben von Teagasc sind mehr als 80 Prozent der feststehenden Hofnachfolger männlich. Gleichzeitig liegt der Anteil weiblicher Betriebsinhaber in Irland unter 15 Prozent. Die „HER-SELF-Studie“ beschreibt dabei ein traditionelles Rollenbild, in dem der Mann als Betriebsleiter und Entscheidungsträger und die Frau eher als unterstützende Kraft gesehen wird. Dieses Rollenverständnis kann laut den Forschern auch Auswirkungen auf rechtlichen Status, Finanzen und Entscheidungsprozesse innerhalb landwirtschaftlicher Familien haben.

Roseingrave setzt deshalb auf mehr Sichtbarkeit und Austausch und das auch über Ländergrenzen hinweg. Ihre Botschaft an Bäuerinnen und Bauern fällt entsprechend deutlich aus: Die Größe eines Betriebs oder die Art der Produktion sei nicht entscheidend. Ob kleiner Betrieb, großer Hof, Gemüsebau oder umfangreicher Ackerbau, Frauen seien ein Teil der Landwirtschaft. „Der landwirtschaftliche Sektor braucht euch“, betont sie abschließend.

Lesen sie mehr über Irland:Darum ist Irland ein Exportland: Wie Grünland, Rinder und Weltmarkt zusammenspielen

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