Wiese kaputt – 12 „GVE“ Engerlinge pro Hektar

Engerlinge haben im Herbst 2018 die Grasnarbe vieler Futterwiesen völlig vernichtet. Im heurigen Jahr wird vielerorts das Wiesenfutter fehlen. Futterwiesenexperte Johann Humer informiert, welche Ursachen die Schäden haben und welche Abhilfemaßnahmen möglich sind.

Die engerlingsgeschädigte Grasnarbe lässt sich wie ein Teppich abheben. Den grün verbleibenden Vegetationsresten fehlt die feste Verankerung, sie rutschen leicht ab. FOTO: Humer

Kahle Stellen, wo einmal eine Wiese war. Oft steht kein grüner Grashalm mehr. Statt Futterpflanzen überzieht ein Unkrautteppich viele Wiesen – bereits in halb Niederösterreich sind solche Flächen anzutreffen. In Oberösterreich tritt das Phänomen bereits seit dem Jahr 2003 auf. Auch andere Grünlandregionen, beispielsweise in Salzburg und Kärnten, sind stark betroffen – die Ursache sind Schäden durch explosionsartige Vermehrung von Engerlingen. Im Jahr 2018 war der Wurzelfraß der Engerlinge der bisher massivste in Österreich. Dabei zerfällt die sonst so reißfeste und erosionsfeste Grasnarbe zu Staub. Schwer engerlingsgeschädigten Wiesen fehlt jedes Grün und sie gleichen brachem Ödland.
Für 2018 berichtete Peter Frühwirth, LK OÖ, in Oberösterreich von Befallsdichten bis zu 700 Engerlingen auf einem Quadratmeter. Umgelegt auf einen Hektar entspricht das sieben Millionen (!) Engerlingen, die Wiesennarben wegfressen. Gewichtsmäßig wären das sieben Tonnen pro Hektar Insektenlarven oder 12 GVE/ha – und dies bereits im Flugjahr mit den noch kleinen Larven des ersten Entwicklungsjahres.

Massiver Befall erfordert großflächige Bekämpfung
Bei massivem Gebietsbefall hilft nur die aufwendige, großflächige biologische Bekämpfung mit engerlingsspezifischen Pilzgranulaten („Pilzgerste“) in Kombination mit mechanischen Bekämpfungsmaßnahmen.
Beim Einsatz von Pilzgerste ist unbedingt zu beachten, dass je nach Engerlingsart nur spezifische Pilz-
gersten wirksam sind. Vor einer biologischen Bekämpfung ist daher die Engerlingsart eindeutig zu identifizieren.
• Gegen den Maikäfer-Engerling ist die Melocont-Pilzgerste das Mittel der Wahl. Der engerlingsschädigende Pilz ist hier Beauveria brongniartii.
• Beim Junikäfer-Engerling ist dagegen nur das Pilzgranulat GranMet-P mit dem Pilz Metarhizium anisopliae wirksam.
• Der Gartenlaubkäfer ist am wirksamsten mit dem Nematodenpräparat Nema-Green zu bekämpfen.
Nach Frühwirth, LK OÖ, wirkt Pilzgerste nur bei mindestens drei bis fünf Zentimeter tiefem Einschlitzen, mit 30 bis 60 kg/ha, in zwei aufeinanderfolgenden Jahren. Die Kosten pro Anwendung sind mit bis zu 700 Euro/ha beachtlich hoch. Manche Länder leisten finanzielle Unterstützung bei der Anwendung von Pilzgerste zur Boden- impfung. Bei den Pilzgersten handelt es sich um Pflanzenschutzmittel mit Notfallszulassung. Die Anwendungsauflagen samt den festgelegten Anwendungszeiträumen sind einzuhalten. Zu beachten ist weiters, dass Pilzgerste meist nur auf Vorbestellung produziert wird. Bei Unsicherheit bezüglich der Maikäferart und der zu verwendenden Pilzgerste ist eine Beratung durch Engerlingsexperten zu empfehlen. In Oberösterreich beispielsweise wurden Maschinenringe speziell zur Engerlingsberatung und -bekämpfung und zur Wiesensanierung ausgebildet.
Bei der Wirkung der Pilzgersten ist zu beachten, dass keine sofortige Abtötung der Insektenlarven erfolgt. Vielmehr infizieren sich Engerlinge bei Kontakt mit dem entsprechenden Pilz, der die Larven schwächt und erst mittelfristig absterben lässt. Es besteht eine Dauerwirkung über einen Zeitraum von bis zu neun Jahren. Um grünlandschädigende Engerlinge möglichst rasch zu dezimieren, sind ergänzend zur biologischen Bekämpfung auch mechanische oder andere zulässige chemische Maßnahmen sinnvoll.

Zuerst Befall reduzieren, dann nachsäen
Um engerlingszerstörte Wiesen dauerhaft zu sanieren, ist laut Versuchen des Phytomediziners Hoffmeister folgende Vorgangsweise zielführend:
• Ein Engerlingsbefall von mehr als 50 Larven/m2 ist zunächst durch mechanische Maßnahmen unter diesen Schwellwert zu bringen. Bei höheren Engerlingszahlen ist von einer Wiesenneuanlage abzuraten, denn die Engerlinge würden weiterfressen und die Wurzelneubildung stören.
• Erst wenn der Engerlingsbesatz reduziert wurde, kann die Futterwiese neu eingesät werden.
Der Engerlingsbefall lässt sich feststellen, indem man beispielsweise einen Wiesenfleck von 25 mal 25 cm mit dem Spaten freilegt und die gefunden Engerlinge zählt. Multipliziert mit dem Faktor 16 ergibt sich die Anzahl der Engerlinge je Quadratmeter.
Zu beachten ist, dass die Engerlinge ab Bodentemperaturen von etwa sieben Grad Celsius aus tieferen Bodenschichten aufsteigen und mit dem Wurzelfraß beginnen. In wärmeren Regionen kann dies schon im März der Fall sein, in kühleren Lagen etwa ab Anfang Mai. Bei starkem Befall kann bereits im März mit der wiederholten mechanischen oder einer chemischen Bekämpfung begonnen werden. Meist ist in solchen Situationen der Wiesenbestand ohnedies zerstört und unerntbar. Werden die Flächen ohne Vegetation offengehalten, so verhungern die Engerlinge zudem mangels Nahrungsangebot. Zudem erfolgt auf Flächen ohne Vegetation auch keine Eiablage, was insbesondere für die Ablagemonate Mai bis Juni gilt.
Gelingt es, bis etwa Mitte Mai den Engerlingsbesatz auf unter 50 Larven/m2 zu drücken, so kann mit der Aussaat von 30 bis 40 kg/ha Raygras für ein bis zwei Nutzungen ein schnellwüchsiges Futter etabliert werden. Zur Düngung von Befallsflächen gilt Kalkstickstoff mit 300 kg/ha, eingearbeitet, als teilbekämpfend gegen Engerlinge. Kalkstickstoff und auch Gülle haben bei Ausbringung nach der Ernte, wenn die Wiesen offen sind, auch vergrämende Wirkung gegen die Eiablage der Maikäfer. Nach Umbruch des Raygrasbestandes kann dann bis etwa 1. September der Anbau einer Dauerwiese mit trockenresilenten Gräsern/Klee erfolgen, ev. mit Gerste als Deckfrucht.
Um in späteren Regionen sicherzugehen, dass man möglichst alle Larven erfasst, empfiehlt sich eine Bearbeitung ab etwa Ende Mai. Im Hauptfraßjahr erstreckt sich der mögliche Bearbeitungszeitraum dann bis etwa Mitte September. Im Flugjahr erstreckt sich der Bearbeitungszeitraum von August bis Mitte September.
Bei der mechanischen Bekämpfung wirken Kreiselegge oder Kreiselgrubber am besten. Die Arbeitstiefe sollte etwa fünf Zentimeter betragen. Auch sind Zinkenrotor und mit Einschränkungen auch Bodenfräse geeignet. Zumindest zwei Bearbeitungsgänge im Abstand von ein bis drei Tagen erforderlich. Die mechanische Bearbeitung zerdrückt einen Teil der Larven, weiters gehen Larven durch Sonneneinstrahlung zugrunde. Dazu sollten die Larven an der Erdoberfläche zu liegen kommen, und die Strahlung sollte intensiv sein.
Ein willkommener Begleiteffekt der mechanischen Bearbeitung ist, dass gleichzeitig auch unerwünschte Unkräuter bekämpft werden, die kein hochwertiges Futter liefern. Wichtig ist, dass man nicht nur die Stellen mit abgestorbener Grasnarbe bearbeitet, sondern auch die angrenzenden, grünen Wiesenflächen – am besten also immer gleich das ganze Feldstück. Erst nach erfolgreichen mechanischen Maßnahmen kann eine Neuansaat der Dauerwiese erfolgen.

In Flugjahren ist die Engerlingskontrolle im Herbst besonders wichtig.
FOTO: Humer

Typische Zeigerpflanzen auf Engerlingswiesen
Gefährdet sind für Engerlingsbefall vor allem Wiesen mit kurzer Schnitthöhe/Weidehöhe (Kurzrasenweiden), jede schüttere, lückige Grünlandnarbe und auch gemähte Vielschnittwiesen in der Eiablagezeit. Auf Engerlingswiesen sind zudem typische Zeigerpflanzen anzutreffen, wie Ruchgras, Spitzwegerich, Schafgarbe, Wiesen-
skabiose, Magerwiesen-Margerite, Wiesen-Labkraut, Löwenzahnarten, Ferkelkraut und Jakobskreuzkraut. Bei höheren Anteilen zeigen diese Pflanzen auch Nährstoffmangel und Magerkeit an. Insbesondere in Flugjahren sollten solche Flächen im Spätsommer auf Engerlingsbefall untersucht werden, um eine Ausbreitung rechtzeitig zu erkennen. Auskünfte zum raschen Erkennen dieser Arten, mit Fotos auch in Früh- oder Kleinstadien, gibt der Autor. Auf Engerlingsflächen täuschen verbliebene grüne Stellen meist noch eine intakte Grasnarbe vor. Allerdings verlieren engerlingsgeschädigte Grasnarben besonders in Hanglagen ihre Griffigkeit für Maschinen und sind daher ein unsichtbares, schwer abschätzbares Risiko für Abrutschungen und Traktorunfälle, insbesondere häufig bei der Gülleausbringung. Im Jahr 2018 haben sich die tödlichen Traktorunfälle bereits verdoppelt, berichtete die Bauernzeitung online am 18. Jänner 2019. Selbst auf ebenen Wiesen wird steigender Radschlupf beobachtet. Gezogene Arbeitsgeräte wie Striegel, Mäh- und Einsaatgeräte funktionieren nicht mehr, weil es zu Verschoppungen kommt. Das Saatgut fällt statt ins Saatbett auf einen aufgeschobenen Erdhaufen aus losen, abgestorbenen Wurzelresten.

Unkrautteppich auf unsanierten Flächen
Seit dem Herbst baut sich auf nicht sanierten, engerlingszerstörten Grasnarben – zusätzlich erschwerend – ein schwer einzudämmender Unkrautteppich auf. Statt des Futteraufwuchses überzieht ein Flor aus Ackerunkräutern sowie futteruntauglichen Wiesenpflanzen die offen gewordenen Stellen auf Engerlingswiesen. Unerwünschte und ungeeignete Pflanzenarten machen sich breit wie Hühnerdarm, Taubnessel, Wiesenschaumkraut, Hirtentäschel, Schafgarbe, Spitzwegerich und Flecht­straußgras. Das Vieh verweigert diese Arten als Futter, da sie geruchlich wie gesundheitlich problematische Stoffe enthalten. Zudem sind engerlingsgeschädigte Wiesen nicht ordentlich mäh-, ernt- und konservierbar und sind somit nicht futtertauglich.
Aufgrund des vorliegenden Engerlingsbefalles ist abzusehen, dass es im laufenden Jahr 2019 auf Tausenden Hektar wenig oder kein taugliches Futter geben wird. Einer effizienten Neuanlage von zerstörtem Grünland kommt daher eminente Bedeutung zu.

Kein Futter – blühender Hühnerdarm und Schafgarbe in lückinger Grasnarbe
FOTO:Humer

Wiesenumbruch ist auch Schädlingsbekämpfung
Dass die Neuanlage einer Futterwiese ein effizientes Mittel ist, um Engerlingsschäden einzudämmen, zeigen auch viele Praktikerberichte. Hier ein Beispiel eines Betroffenen: „Ich habe eine Wiese nach enormer Verunkrautung im Herbst eines Maikäfer-Flugjahres umgebrochen. Die Fläche ist dann über den Winter brach gelegen. Im Jahr darauf habe ich sie neu eingesät. Nach drei Jahren begann zwar wieder der Engerlingsfraß, im Vergleich zu Nachbarflächen war meine Parzelle auffällig gut im Ertrag.“
Was nun die Neueinsaat selbst betrifft, so empfiehlt bei der Wahl der Grasarten eine Rücksichtnahme auf geänderte klimatische Verhältnisse. Wegen zunehmender Dürrezeiten durch den Klimawandel müssen immer mehr trockenheitsverträgliche Gräser zum Einsatz kommen, wie z. B. weichblättriger Rohrschwingel und Kleearten, wie z. B. Hornklee. Künftige Saatgutmischungen für Dauerwiesen brauchen eine Dotierung mit klimaresilienten Arten, um Dürrezeiten besser überstehen zu können.

Auf sachgerechte Düngung achten
Zur Vermeidung eines erneuten Engerlingsbefalls ist es entscheidend, den raschen Aufbau dichter, neuer Futterwiesen mit sachgerechten NPK- und Kalk-Düngemengen unter Einbezug der Wirtschaftsdünger nach den Vorgaben der Richtlinie für sachgerechten Düngung (RSGD) zu forcieren. Bei der Gelegenheit sollte schon rechtzeitig vorher eine Bodenuntersuchung mit Düngeplan nach RSGD mit exakter Nährstoffbedarfsermittlung für NPK und Kalk erfolgen. Damit werden optimale, dichte, üppige Futterbestände geschaffen, bei der das Risiko der Eiablage von Engerlingskäfern und Engerlingsschäden am geringsten ist.
Was das Umweltprogramm Öpul betrifft, so ist zu beachten, dass eine Grünlanderneuerung durch Umbruch im Rahmen der Teilnahme an bestimmten Maßnahmen (z. B. „Vorbeugender Grundwasserschutz auf Grünlandflächen in Oberösterreich“) auch eines Ansuchens an die AMA bedarf.
Kritisch angemerkt sei, dass die im Öpul geförderte Grünlandextensivierung kontraproduktiv wirkt, weil sie im Ertragsgrünland Engerlingsbefall Vorschub leistet und durch Auflagen Handlungsfähigkeit und Eigenverantwortlichkeit in Produktion und Pflanzenschutz schwächt.
Der Autor dieses Beitrags bietet Interessierten in betroffenen Gebieten zum Thema Vorträge, sowie Fachberatungen am Hof an. Anmeldungen: moc.l1556261305iamg@1556261305remuh1556261305.nnah1556261305oj1556261305
Weitere Informationen zu Engerlingsbekämpfung und Schadenssanierung im Grünland gibt es in Form eines Beratungshandbuches der LK OÖ („Der Feld- Maikäfer – Grünlandwirtschaft mit dem Engerling“). Aktuelle Engerlingsinformationen im Web gibt es vom Autor mit folgender Suchabfrage: „humer liste engerling publikationen“.

Unterscheidung der Engerlinge

Unterscheidung der Engerlinge
FOTO: Humer

Unterschiedliche Lebenszyklen – Folgegeneration kann bis zu 40-mal größer sein

Während der Maikäfer alle drei bis vier Jahre ein Flugjahr aufweist (drei bis vier Larvenstadien), hat der Junikäfer nur einen zweijährigen Lebenszyklus mit einem Larvenjahr. Auf diese unterschiedlichen Lebenszyklen sind auch die Bekämpfungsmaßnahmen abzustellen.
Wo im Vorjahr ein Befall mit Maikäfer-Engerlingen aufgetreten ist, der nicht bekämpft bzw. saniert wurde, dort gehen die Larven heuer in ihr zweites Entwicklungsjahr, somit in das Hauptfraßjahr – die Fraßschäden können dadurch noch deutlich zunehmen.
War im Vorjahr jedoch ein Befall mit Junikäfer-Engerlingen gegeben, dann werden heuer auf diesen Flächen die Käfer schlüpfen und, wo immer nur möglich, wieder Eier ablegen. Das nächste Larvenstadium ist in diesem Fall somit für das Jahr 2020 zu erwarten – dann allerdings aufgrund der Vermehrungsdynamik mit einer Anzahl an Engerlingen, die um das bis zu 40-fache (!) größer sein kann als die Ausgangspopulation.

Johann Humer, Futterwiesenexperte

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