Strahlentest bei Gemüse

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40 Jahre Tschernobyl: Als der Supergau Österreichs Landwirtschaft erschütterte

Die Atomkatastrophe in Tschernobyl jährt sich am Wochenende zum 40. Mal. Die heimische Landwirtschaft war damals massiv betroffen. Ein Blick zurück auf die bewegten Wochen im Frühling 1986.

Am 26. April 1986 explodierte Block 4 des sowjetischen Kernkraftwerks Tschernobyl. Die freigewordene radioaktive Wolke machte an den Grenzen nicht halt. Witterungsbedingt war Österreich eines der am stärksten betroffenen Länder Zentraleuropas. Während des Durchzuges der radioaktiv kontaminierten Luftmassen kam es zu Niederschlägen, die zu großflächigen Kontaminationen des gesamten Bundesgebietes führten. Die Stimmung unter den Bauern war von tiefer Betroffenheit geprägt, wie sich der damalige LK-Niederösterreich-Präsident Rudolf Schwarzböck erinnert: „So etwas hat es noch nie gegeben und niemand kannte zunächst die Auswirkungen."

Ernteverbot und Verkaufsstop

Die Behörden reagierten rasch. Es wurde ein zeitweiliges Ernteverbot für Freilandgemüse und Beerenobst verhängt. Einzig Glashaussalat war vom Verkaufsverbot ausgenommen. Für das Vieh wurde ein Weideverbot erlassen. Regional wurde zusätzlich das Füttern von Grünfutter untersagt. Umfassende Radioaktivitätskontrollen von Milchprodukten und eine intensive Überwachung aller anderen Lebensmittel wurden über viele Monate hinweg durchgeführt. Besonders der Gemüse- beziehungsweise Ackerbau war laut Schwarzböck für einige Zeit geradezu lahmgelegt: „Bei Gemüse gab es vielfach keine Möglichkeit eines Absatzes, denn es herrschte ein längeres Verkaufsverbot."

Verhältnismäßig glimpflich kam man ihm zufolge durch die Kontamination im April davon: „Zum Glück hat uns das nicht in der Erntezeit oder im Sommer oder Herbst betroffen. Dann wäre die Katastrophe [für die Bauern, Anm.] noch größer gewesen." Milch galt als ein besonders sensibler Bereich, „natürlich im Hinblick auf Babynahrung beziehungsweise als Grundnahrungsmittel für Kinder, aber auch immunschwache Personen", wie der Kammer-Präsident a.D. betont. Außerdem wurde vom Ab-Hof-Verkauf von Frischfleisch und Milchprodukten abgeraten. Die Belastung von Fleisch hing aber im Wesentlichen von der Kontamination der verwendeten Futtergrundlage ab.

Verstrahltes Österreich?

Die relevantesten radioaktiven Stoffe die 1986 freigesetzt wurden waren das kurzlebige Iod-131 mit einer Halbwertszeit (Zeitspanne, in der sich eine abnehmende Menge radioaktiver Atomkerne halbiert) von rund acht Tagen sowie das langlebigere Cäsium-137. Durch behördliche Maßnahmen konnte die Strahlenbelastung hierzulande deutlich reduziert werden. Insgesamt verursachte der Unfall in Österreich durchschnittlich eine effektive Strahlendosis von etwa 1 Millisievert (Maßeinheit für biologische Wirkung ionisierender Strahlung auf Menschen) pro Person. Zum Vergleich: Die normale jährliche Strahlenbelastung aus natürlichen und künstlichen Quellen beträgt rund 6 Millisievert.

Entschädigungen für Landwirtschaft

Der Kampf um Entschädigungen für die betroffenen Bauern war herausfordernd. Rudolf Schwarzböck erinnert sich noch gut an die Verhandlungen mit der damaligen Bundesregierung: „Als wir gesagt haben, dass wir Entschädigungen für die Landwirte brauchen, hielt sich die Bereitschaft dafür in Grenzen." Letztlich gelang es dennoch, sektorale Entschädigungen für verschiedene Zweige der Landwirtschaft durchzusetzen und dies bundesweit und nach Produktionssparten gestaffelt. Eine Vollentschädigung war es zwar nicht, „aber die Prämie war meiner Erinnerung nach einigermaßen spürbar, so kamen die Betriebe mit einer entsprechenden Widerstandsfähigkeit über die Runden", so Schwarzböck.

Zum Glück hat uns das nicht in der Haupterntezeit betroffen. Dann wäre die Katastrophe noch größer gewesen.

Rudolf Schwarzböck

Lehren für die Zukunft

Tschernobyl hinterließ auch institutionelle Spuren. Noch im Jahr 1986 wurde ein internationales Übereinkommen über die frühzeitige Benachrichtigung nuklearer Unfälle abgeschlossen. 1987 richtete Österreich im Bundeskanzleramt das staatliche Krisenmanagement ein. Das war der Vorläufer des heutigen Staatlichen Krisen- und Katastrophenschutzmanagements (SKKM).

Für Rudolf Schwarzböck ist Tschernobyl bis heute ein Lehrstück in Sachen Krisenmanagement: „Überreaktionen führen nicht zum Ziel. Es ist notwendig, Ruhe zu bewahren und eine enge Zusammenarbeit zwischen Politik, Wissenschaft und Fachwelt zu entwickeln. Denn so hat die Menschheit immer noch alle Katastrophen überwunden."

Aufgrund rascher und strenger Maßnahmen war die Strahlendosis, die nach dem Reaktorunfall in Österreich gemessen wurden, weitgehend niedrig. Akute körperliche Schäden durch die Strahlung waren deshalb laut einem aktuellen Bericht des Umweltministeriums ausgeschlossen. Anders verhielt es sich mit dem Krebsrisiko: Hier gingen Experten davon aus, dass selbst kleinste Strahlendosen theoretisch das Risiko leicht erhöhen können. Hochrechnungen zufolge könnten in Österreich im Laufe von mehreren Jahrzehnten etwa 400 zusätzliche Krebserkrankungen auf den Tschernobyl-Unfall zurückzuführen sein. Im Verhältnis ein relativ geringer Wert: Zwischen 1990 und 2024 wurden in Österreich insgesamt rund 1,4 Millionen Krebserkrankungen registriert.

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In Österreich gibt es ein Strahlenfrühwarnsystem mit mehr als 300 automatischen Messstationen und weiteren zehn grenznahen automatischen Luftmonitorstationen.

Atomkraft: Alles andere als „grün“

Vier Jahrzehnte nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl verschärft Österreich seinen Widerstand gegen die Atomkraft auf europäischer Ebene: Die Bundesregierung bekämpft vor dem Europäischen Gerichtshof die Einstufung von Kernenergie als nachhaltige Investition bei der EU-Taxonomieverordnung. Atomkraft sei weder erneuerbar noch sauber, hinterlasse ungelöste Abfallprobleme und tauge nicht als Klimaschutzinstrument, so die Position des Umweltministers Norbert Totschnig. Seit der Volksabstimmung 1978 lehnt Österreich Kernkraft ab. Totschnig warnt vor einem „Greenwashing“ der Atomenergie und kündigt weiteren Druck in Brüssel an, notfalls auch auf dem Rechtsweg. Gleichzeitig hat Österreich seine Notfallvorsorge deutlich ausgebaut. Mit mehr 300 Messstellen zählt das Strahlenfrühwarnsystem zu den dichtesten in Europa; rund 3.000 Proben, darunter Luft, Wasser und Lebensmittel, werden jährlich im Labor untersucht. Bilaterale Abkommen mit Nachbarstaaten ermöglichen im Ernstfall einen sofortigen Datenaustausch, sodass Schutzmaßnahmen frühzeitig eingeleitet werden können.

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