Johann Diwold sitzt bei den Ackerschweinen

Copyright © BZ - Schaumberger

Warum Johann Diwold seine Schweine auf den Acker bringt

Auf dem Feld statt im Stall, so hält Johann Diwold seine „Wanderschweine“. Ein Forschungsprojekt soll das etwas andere Haltungssystem wissenschaftlich absichern.

Es ist ein kalter Februartag am Kirnbauernhof in Oberösterreich. Auf einem Acker etwas abseits des Hofes liegen hinter mobilen Wänden die Schweine eng aneinander, vereinzelt wühlen sich Tiere tiefer ins Stroh. Abgesehen davon herrscht Ruhe – keine Maschinen, keine laufende Technik. Mit Zelt, Futterspender und Tränke wirkt dieser „Schweinestall" eher ungewöhnlich und provisorisch. Für Johann Diwold ist das jedoch ein bewusst geplantes Haltungssystem und Teil des Forschungsprojekts „Ackerschweine".

Vom Vollspaltenstall zum Tierwohlkonzept

Wer mit Diwold über Schweinehaltung spricht, merkt schnell: Hier argumentiert ein Praktiker. Vor etwa elf Jahren übernahmen er und seine Frau Katrin den elterlichen Mastschweinebetrieb mit Teil- und Vollspaltenhaltung. „Für uns war klar: Wenn wir den Betrieb weiterführen, dann machen wir es anders“, erzählt er.

2019 fiel die Entscheidung für den Bau eines Tierwohlstalls. Die Familie investierte 450.000 Euro für rund 330 Mastplätze. Das System trennt Kot und Harn und bietet einen isolierten Liegebereich, einen Fressbereich im Außenklimastall und einen Spaltenbereich zum Trinken und Koten.

Am Hof leben rund 650 Schweine. Ein Teil im Tierwohlstall, der Großteil auf circa zwei Hektar Ackerfläche.

Tierwohlstall
Schweine im Zelt

Das war ein Schritt in die richtige Richtung: mehr Platz, Einstreu und Frischluft.

Johann Diwold

Betriebsführer Kirnbauernhof

Doch für ihn blieb die Frage, ob sich Tierwohl, Tierverhalten und betriebliche Abläufe für die weiteren 350 Schweine noch konsequenter verbinden lassen.

Kein typischer Schweinestall

Die Antwort fand der Landwirt in der Ackerschwein-Haltung. Einem Konzept, das ursprünglich aus England stammt und neben dem Fleisch ein weiteres Produkt ermöglicht: Kompost.

Ein Jahr nach der Inbetriebnahme des Tierwohlstalls startete Diwold den ersten Versuch. Heute stehen auf circa zwei Hektar fünf mobile Einheiten mit jeweils 70 Schweinen. Pro Tier sind etwa drei Quadratmeter Fläche und drei Kubikmeter Einstreu vorgesehen. Nach etwa vier Monaten Mastzeit werden die Schweine schlachtreif und die Zelte auf eine neue Stelle versetzt. Frühestens nach zweieinhalb Jahren kommen wieder Tiere auf dieselbe Fläche. So wird eine Übernutzung einzelner Flächen vermieden und gleichzeitig bleibt der Nährstoffeintrag in den Boden kontrollierbar. Die Investitionskosten liegen bei rund 300 Euro pro Mastplatz.

Copyright © BZ - Schaumberger

Tierverhalten als Maßstab

Der Bauer betritt eine Einheit. Ein paar Schweine kommen neugierig näher. Der Großteil der Tiere lässt sich aber nicht stören und bleibt tief im Stroh eingegraben liegen. Ruhe und Zufriedenheit: Ein Bild, das für Diwold viel über das System aussagt. Verhaltensabnormitäten wie Schwanzbeißen seien kein Thema. Das Tierverhalten hat den Vollerwerbsbauern überzeugt. „Schweine wollen wühlen, sich suhlen, bei Hitze abkühlen und bei Kälte Schutz suchen“, sagt Diwold. In der Ackerschwein-Haltung finden sie dafür den nötigen Raum.

Die Bewegung und das ständige Arbeiten in der weichen Einstreu zeigen sich auch in der Fleischqualität. „Wir sehen eine deutlich bessere intramuskuläre Fettanlagerung. Das sind richtige Muskelpakete“, beschreibt Diwold. Auch gesundheitlich habe sich vieles verändert: „Seit Dezember 2021 haben wir hier draußen keine einzige antibiotische Behandlung gebraucht.“ Selbst bei Minusgraden kommen die Tiere gut zurecht. Sie schlafen in der dicken Strohauflage und nutzen die entstehende Kompostierungswärme. Zwar sei die Mastdauer rund eine Woche länger als im Tierwohlstall, doch die robuste Tiergesundheit und die bessere Fleischqualität gleichen dies wieder aus. Die Abnahme der Schweine ist in beiden Haltungssystemen über die Firma Gourmetfein ohnehin gesichert.

Copyright © BZ - Schaumberger

Kompost als Nebenprodukt

Nach dem Ausstallen bleibt eine etwa einen Meter hohe Mist-Stroh-Matte. Das ständige Wühlen bereitet die Einstreu ideal für die Kompostierung vor. „Unsere Schweine sind unsere wichtigsten Mitarbeiter“, betont Diwold. „Sie lockern den Boden und mischen organisches Material ein.“ Der fertige Kompost riecht nicht nach Schwein, sondern nach Pilzen und Waldboden und wird wieder auf den betriebseigenen Flächen ausgebracht. „Wir wollen weg von synthetischer Düngung, hin zu aktiven, biologischen Böden“, sagt er.

Ein weiterer Vorteil liegt für ihn in der Flexibilität des Systems: „Wenn ich mehr Fläche pro Schwein brauche, kann ich den Bereich einfach vergrößern. Und wenn sich wirtschaftlich etwas ändern sollte, kann ich alles morgen wieder abbauen.“ Auch in Ausnahmesituationen sieht er Vorteile: „Bei Stromausfall oder Technikproblemen habe ich hier kein akutes Tierwohlproblem.“

Copyright © BZ - Schaumberger

Modell für die Praxis

Diwold weiß, dass die Ackerschwein-Haltung Fläche, Management und Bereitschaft zur Umstellung erfordert. „Man muss Systeme vergleichen dürfen und aus der Praxis heraus weiterentwickeln.“ Für ihn ist es jedoch ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. „Wir reden nicht mehr von Tierwohl, sondern von artgerechter Tierhaltung“, betont der Schweinebauer.

Forschung begleitet die Praxis

Weil Schweinehaltung auf unbefestigten Flächen rechtlich und fachlich Neuland ist, wird das System wissenschaftlich begleitet. Im EIP-AGRI-Projekt „Ackerschweine“ ist Diwold einer von sechs Pilotbetrieben. Das Projekt wird gemeinsam mit der BOKU, der Landwirtschaftskammer Niederösterreich, BAW Research und Schweinehaltung Österreich umgesetzt und über EU, Bund und Länder für die vierjährige Laufzeit finanziert.

In einer ersten Phase finden Vorversuche statt, um eine Verlagerung von Stickstoff ins Grundwasser auszuschließen. Untersucht wird, wie viel Stickstoff aus Kot und Einstreu tatsächlich in den Boden gelangt und welche Einstreumaterialien Nährstoffe am besten binden. In einer zweiten Phase werden die Systeme auf unbefestigten Flächen erprobt und mittels Monitoring überwacht. „Wir brauchen belastbare Daten, damit solche Systeme auch genehmigungsfähig werden“, betont Diwold. Am Ende soll ein Leitfaden entstehen, der Landwirten konkrete Empfehlungen für die Umsetzung gibt.

Weitere Artikel