Ein frommer Wunsch

Porträt Clemens Wieltsch

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Wer – als Bauer, wohlgemerkt – die Samstagsausgabe der Tageszeitung „Die Presse“ in die Finger bekommen hat, verfiel wohl in ratloses Kopfschütteln. Denn die Kommentarserie „Schellhorn am Samstag“ hatte es diesmal in sich. Namensgeber und Autor Franz Schellhorn wetterte darin, dass die EU statt eines Freihandelsprojekts heute vielmehr die „weltgrößte Bauerngewerkschaft“ sei. Begründet hat das der ehemalige Leiter des Wirtschaftsressorts des Blattes und nunmehrige Direktor der Denkfabrik „Agenda Austria“ so: Bei Handelsabkommen ginge es der EU nur mehr um den Schutz der Landwirtschaft, nicht so sehr vor dem Weltmarkt, sondern vor den eigenen Konsumenten. Untermauern sollte dies der Verweis auf das kürzlich geschlossene Abkommen mit Indien, wo Agrargüter bekanntlich großteils ausgeklammert wurden.

Was Schellhorn seiner wirtschaftsaffinen Leserschaft unterschlug, ist die Tatsache, dass diese Einschränkung nicht allein von der EU, sondern vor allem von Indien herrührte. Am Subkontinent ist Hunger nämlich in weiten Teilen der Bevölkerung noch Alltag. Entsprechend schottet Neu-Delhi den eigenen Agrarsektor zur Wahrung der Ernährungssicherheit weitestgehend vom Weltmarkt ab. Nicht zuletzt, um exportbedingte Preissteigerungen zu verhindern. Es hat insofern etwas von einer Tragikkomödie, wenn hiesige Wirtschaftsexperten, sozialisiert in einer Überflussgesellschaft, die Bedeutung einer regionalen Landwirtschaft derart in Abrede stellen. Die EU als Bauerngewerkschaft wäre zum Schutz der flächendeckenden Lebensmittelversorgung da schon eher ein frommer Wunsch.

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