Agrarminister Totschnig im Interview: „Worte allein reichen nicht“

Beinahe auf den Tag genau ein Jahr nach der Angelobung der Bundesregierung zieht Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig im Gespräch mit der BauernZeitung eine erste Zwischenbilanz.

Norbert Totschnig im Interview

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BauernZeitung Herr Totschnig, die Dreier-Koalition ist seit genau einem Jahr im Amt und gibt sich konsensuell. Wie läuft die Zusammenarbeit mit Rot und Pink?

Norbert Totschnig Natürlich ist die Kooperation in einer Koalition aus drei Parteien anspruchsvoller als früher in einer Zweierkonstellation. Es gibt mehr unterschiedliche Anschauungsweisen, Interessen, damit auch mehr Abstimmungsbedarf. Es gibt aber auch mehr Perspektiven. In der Politik gilt es, unterschiedliche Standpunkte zusammenzuführen und tragfähige Kompromisse zu finden. Das ist uns in den vergangenen zwölf Monaten auch gelungen. Trotz angespannter Budgetlage ist es uns gelungen, die GAP-Gelder zu sichern und den Agrarinvestitionskredit, die Sanierungsoffensive oder die Hochwasserschutzmaßnahmen fortzuführen. Im Parlament wurde vergangene Woche zudem einstimmig das Lebensmittelbewirtschaftungsgesetz verabschiedet.

BauernZeitung Im Vorjahr kam der Umweltbereich neu zu Ihren Agenden hinzu. Wie gelingt der Spagat zwischen Agrar und Umwelt?

Norbert Totschnig Mir ist wichtig, dass die Land- und Forstwirtschaft gemeinsam mit Umwelt- und Klimaschutz gestaltet wird. Unsere Bäuerinnen und Bauern wirtschaften tagtäglich in und mit der Natur und spüren die Auswirkungen des Klimawandels am deutlichsten. Mehr als 80 Prozent der Betriebe nehmen freiwillig am ÖPUL-Umweltprogramm teil und leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Umwelt- und Klimaschutz. Deshalb darf man diese Bereiche auch nicht gegeneinander ausspielen: Sie gehören zusammen, das eine funktioniert nicht ohne das andere. Wir müssen Umwelt- und Klimaschutz deshalb gemeinsam mit den Betroffenen gestalten und dürfen nicht über deren Köpfe hinweg entscheiden. Notwendige Maßnahmen sind auch nur dann wirksam und nachhaltig, wenn sie fachlich fundiert sind und breit getragen werden. Es geht also um Lösungen, die auch in der Praxis bestehen und gleichzeitig unsere produzierende Landwirtschaft absichern.

BauernZeitung Jahrestage bieten auch immer Gelegenheit, Bilanz zu ziehen. Wie fällt diese im Agrarbereich für das vergangene Jahr aus?

Norbert Totschnig Ein wichtiger Schritt war die Vereinfachung und Verschiebung der Entwaldungsverordnung. Das entlastet nicht nur kleine und mittlere Betriebe, sondern die gesamte Wertschöpfungskette. Dagegen sind die 2025 von der EU-Kommission präsentierten Vorschläge für die GAP nach 2027 in der vorliegenden Form nicht akzeptabel. Unsere Betriebe müssen wettbewerbsfähig bleiben. Dafür brauchen sie leistbare Betriebsmittel, wirksamen Pflanzenschutz und vor allem weniger Bürokratie.

Mehr zur EntwaldungsverordnungDas ist der gegenwärtige Stand zum umstrittenen Regelwerk für Holz, Rinder und Soja.

BauernZeitung Signalisiert die Kommission hier schon ein Einlenken?

Norbert Totschnig Derzeit werden erste inhaltliche Vorschläge erarbeitet. Sie sollen bis Herbst 2026 vorliegen. Für Österreich entscheidend ist: Die bewährte Unterstützung unserer Landwirtschaft und des ländlichen Raumes muss weiterhin aufrechterhalten werden. Mit der notwendigen Finanzierung. Das habe ich im EU-Agrarministerrat klar deponiert. Meine Initiative wurde auch von 16 der 27 Mitgliedstaaten unterstützt. Dieser Zuspruch ist ein starkes Signal. Auch die Schreiben von Kommissionspräsidentin von der Leyen bewerte ich als ein erstes Zugeständnis zur Stärkung der GAP. Für die ich weiter mit Nachdruck kämpfen werde.

Einen erneuten Systemwechsel kann und will ich nicht verantworten.

Norbert Totschnig

Norbert Totschnig

Landwirtschaftsminister

BauernZeitung Wie soll die GAP Ihrer Meinung nach künftig aussehen?

Norbert Totschnig Mir ist wichtig, die bewährten Maßnahmen, wie zum Beispiel ÖPUL oder Bergbauernförderung, bestmöglich weiterzuentwickeln. Ein erneuter, tiefgreifender Systemwechsel wäre wieder ein Umbruch und würde zu Chaos führen. Das kann und will ich nicht verantworten.

BauernZeitung Apropos Chaos. Die Betriebsmittelkosten sind hoch, die Entwicklungen im Iran könnten das noch verstärken. Wird es beim CO2-Ausgleichsmechanismus CBAM ein Entgegenkommen für Düngerimporte geben?

Norbert Totschnig Zu geringe Erzeugerpreise, gestiegene Produktionskosten und wachsender Wettbewerbsdruck bringen viele Bäuerinnen und Bauern an ihre wirtschaftlichen Grenzen. Die Düngerpreise machen mittlerweile bis zu einem Drittel der Produktionskosten aus. Durch den Krieg im Iran steigt der Druck weiter. Unsere Landwirtschaft verträgt aber keine zusätzlichen Belastungen. Beim Agrarministerrat im Jänner habe ich bereits konkrete Maßnahmen auf EU-Ebene eingefordert, wie das vorübergehende Aussetzen der Zölle auf Dünger. Das wurde von 19 Mitgliedstaaten unterstützt. Auch in Brüssel wurde die Notwendigkeit erkannt, gegen diese Teuerung vorzugehen. Wir werden die EU-Kommission beim Wort nehmen und das weiter konsequent einfordern.

Neues vom DüngermarktSo stellt sich die Situation derzeit dar.

BauernZeitung Viele Bauern fühlen sich ob der Freihandelspolitik der EU – Stichwort Mercosur – wortwörtlich als Bauernopfer. Wie kann Freihandel im Einklang mit der Landwirtschaft gelingen?

Norbert Totschnig Die Bundesregierung war durch den Nationalratsbeschluss von 2019 verpflichtet, sich gegen das Mercosur-Abkommen auszusprechen. Unser Widerstand war notwendig. Er hat zu entscheidenden Verbesserungen geführt. Nur deshalb gibt es heute Schutzmechanismen für unsere heimische Landwirtschaft.

Dieser Beschluss des Mercosur-Abkommens ist ein klarer Arbeitsauftrag, die Schutzmechanismen genau zu überwachen.

Norbert Totschnig

Norbert Totschnig

Landwirtschaftsminister

Norbert Totschnig Versprochen wurde ein engmaschiges Kontrollsystem, das im Fall von Marktverwerfungen eine Aussetzung der Liberalisierung ermöglicht. Diese Schutzmechanismen müssen ab dem ersten Tag der Anwendung konsequent umgesetzt werden. Österreich ist aber auch eine erfolgreiche Exportnation. Aus Erfahrung wissen wir, dass neue Handelsabkommen neue Chancen eröffnen, gerade für Qualitätsprodukte und unter fairen Wettbewerbsbedingungen. Für mich ist dieser Beschluss des EU-Mercosur-Abkommens ein klarer Arbeitsauftrag, die Schutz- mechanismen genau zu überwachen. Wenn diese nicht ausreichen, werden wir weitere Maßnahmen einfordern.

BauernZeitung Kein Rückblick ohne Ausblick. Was wollen Sie bis 2027 für die Bauernschaft jedenfalls noch umgesetzt wissen?

Norbert Totschnig Mein Ziel ist Versorgungssicherheit auf Basis einer flächendeckenden, produzierenden Landwirtschaft mit bäuerlichen Familienbetrieben. Unsere Bäuerinnen und Bauern arbeiten tagtäglich mit enormem Einsatz und Leidenschaft. Dafür braucht es Wertschätzung. Worte allein reichen nicht, entscheidend sind verlässliche Rahmenbedingungen. Mein klarer Auftrag für 2026 ist daher, ein stabiles und ausreichend dotiertes Agrarbudget auf nationaler und europäischer Ebene zu sichern. Wichtig ist mir auch die Weiterentwicklung unserer Betriebe. Mein Augenmerk gilt dabei praxistauglichen, leistbaren Lösungen, die den Arbeitsalltag erleichtern. Kleine, intelligente Tools, Digitalisierung mit Bedacht und Innovationen, die wirklich am Hof ankommen. Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit und macht die Arbeit effizienter. Zu guter Letzt: Die Qualität unserer Agrarprodukte hat international einen ausgezeichneten Ruf. Dieses Potenzial werden wir mit einer geplanten Außenwirtschaftsstrategie noch stärker nutzen.

1.385 Tage Minister

Am 3. März 2025 wurde die Bundesregierung Stocker in Wien angelobt. Norbert Totschnig konnte da bereits auf gut drei Jahre Erfahrung als Landwirtschaftsminister zurückblicken. Der studierte Wirtschaftswissenschafter ist auf einem Milchviehbetrieb in Osttirol aufgewachsen. Totschnig ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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