Fünf Betriebe, eine Botschaft: Österreichs neue Biodiversitäts-Botschafter

Sie kommen aus ganz Österreich und sie alle zeigen, dass Landwirtschaft und Artenvielfalt einander nicht ausschließen, sondern stärken.

Inmitten_der_ Vielfalt

Copyright © Fruhmann

Zum fünften Mal hat das „Projekt Farming for Nature“ engagierte Bäuerinnen und Bauern zu Biodiversitäts-Botschaftern ernannt. Ihre Geschichten sind so vielfältig wie die Natur, für die sie eintreten.

46 Nominierte, fünf Ausgezeichnete

Österreichweit wurden heuer 46 Bäuerinnen und Bauern als mögliche Biodiversitäts-Botschafter nominiert. Eine Fachjury wählte daraus fünf Betriebe aus, die im Jahr 2026 die Rolle der Botschafterinnen und Botschafter übernehmen. Die Auswahlkriterien: ökologisch wie ökonomisch nachhaltige Bewirtschaftung, ein nachweislicher Beitrag zur Biodiversität auf dem eigenen Betrieb und die Bereitschaft, dieses Wissen an andere weiterzugeben. Seit Projektstart wurden aus einem Pool von 140 Teilnehmenden insgesamt 25 Bäuerinnen und Bauern ausgezeichnet. „Die extreme Trockenheit diesen Frühling zeigt, dass die österreichische Landwirtschaft stark vom Klimawandel betroffen ist und wir landwirtschaftliche Praktiken neu denken müssen. Genau das tun unsere Biodiversitäts-Botschafter und sind somit Vorreiter einer nachhaltigen Landwirtschaft", sagt Projektkoordinatorin Johanna Frangež.

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Biodiversitäts-Botschafter 2026

Alois Kiegerl: Essbarer Naturschutz mit dem Murbodner Rind

Alois Kiegerl bewirtschaftet mit seiner Familie in der Weststeiermark rund 48 Hektar Grünland und 24 Hektar Wald. Im Mittelpunkt stehen 70 bis 80 Murbodner Rinder, eine genügsame und an extensive Weidehaltung bestens angepasste Rasse. Die hofnahen Flächen werden etwas intensiver genutzt, weiter entfernte Wiesen hingegen kaum gedüngt und maximal zweimal gemäht. Diese abgestufte Bewirtschaftung schafft blütenreiche Wiesen mit hoher Artenvielfalt und schont gleichzeitig Ressourcen.

Kälber auf der Alm

Kälber auf der Alm

Alois Kiegerl

Alois Kiegerl

Späte Wiesenmahd

Späte Wiesenmahd

Artenreiche WIese bei Alois Kiegerl

Artenreiche WIese

Eine zentrale Rolle spielt die Almwirtschaft: Gemeinsam mit rund 40 weiteren Landwirten bewirtschaftet Kiegerl eine etwa 500 Hektar große Gemeinschaftsalm, auf der jedes Jahr mehr als 500 Rinder den Sommer verbringen. Die gezielte Behirtung hält die Flächen offen und fördert seltene Bürstlingsweiden mit Arnika, Enzian und Glockenblumen. Kiegerl versteht seine Wirtschaftsweise als „essbaren Naturschutz": Die Tiere liefern hochwertiges Fleisch und erhalten gleichzeitig artenreiche Kulturlandschaften. Konsequenterweise beteiligt er sich an einem Projekt zur stressfreien Schlachtung direkt am Hof.

Carmen Petutschnig-Erschen: Leidenschaft als Grundlage

Was 2019 mit einem stillgelegten Hof und 15 Ziegen begann, ist heute ein vielseitiger Vollerwerbs-Betrieb mit knapp 100 Hektar Fläche. Carmen Petutschnig-Erschen und ihr Mann Andreas halten rund 200 Milchziegen, darunter die gefährdete Pinzgauer Gebirgsziege, züchten Speisepilze, mästen Bio-Schweine auf Stroh und pressen hochwertige Speiseöle. Die gesamte Ziegenmilch wird direkt am Hof zu Joghurt, Topfen und Weichkäse verarbeitet.

Carmen Petutschnig-Erschen

Carmen Petutschnig-Erschen

Mischkultur am Acker

Mischkultur am Acker

Ziegen auf der Weide

Ziegen auf der Weide

Strohschweine

Strohschweine

Auf den Äckern wachsen vielfältige Kulturen, oft in Mischkultur wie Weizen mit Wicke oder Triticale mit Peluschke. Nach der Ernte wird sofort wieder angebaut, um Wildtieren ausreichend Äsung für den Winter zu bieten. Besonders am Herzen liegt Carmen die Bergwelt: 30 Hektar Wiesen reichen bis hinauf auf eine Alm mit moorigen und trockenen Flächen, die einmal jährlich gemäht werden. Rund um den Hof bieten Obstbäume und Hecken Lebensraum für seltene Singvögel wie den Pirol. Ihr Antrieb fasst sie in einem Satz zusammen: „Die Leidenschaft ist das Wichtigste. Wenn man etwas mit Herzblut macht, so wie wir, dann macht man es gut."

Silvia Fruhmann: Vielfalt beginnt im Boden

Auf rund zwei Hektar Gemüsefläche baut Silvia Fruhmann im Mittelburgenland etwa 40 verschiedene Gemüsearten biologisch an. Das ist eine Vielfalt, die nicht nur kulinarisch überzeugt, sondern auch die genetische Bandbreite des Betriebs stärkt und ihn widerstandsfähiger gegen Wetterextreme macht. Besonderes Augenmerk legt die Bäuerin auf Bodengesundheit: Im Sommer bedecken Mulchschichten aus Kleegras und Luzerne die Flächen zwischen den Pflanzen, Blühstreifen - teils mehrjährig angelegt - schaffen Lebensraum für Insekten und Nützlinge.

Inmitten der Vielfalt

Inmitten_der_ Vielfalt

Bodenleben

Hände halten Erdklumpen mit Regenwurm, während sie Erde begutachten. Im Hintergrund unscharf.

Fruhmann

Mulchschicht_beim_Lauch

Käferburg

Käferburg

Pflanzenstärkungstees aus Brennnessel, Schafgarbe oder Wermut runden die naturnahe Bewirtschaftung ab. Fruhmann setzt zudem auf regionale Kreislaufwirtschaft: Ein befreundeter Bio-Bauer aus der Nachbargemeinde erhält das Grundfutter für seine Kühe, sie bekommt im Gegenzug Rindermist als Dünger. Als Jägerin engagiert sie sich darüber hinaus für die Vernetzung von Lebensräumen, denn gemeinsam mit dem lokalen Jagdverein wurden mehrere Flächen gepachtet, um Hecken, Totholzbereiche und Ackerrandstreifen miteinander zu verbinden. Ihr Wissen gibt sie über „Schule am Bauernhof" und die Direktvermarktung weiter.

Michael Halbfurter: Offen für Neues - auch für Hanf

Vor rund acht Jahren stellte Michael Halbfurter seinen Osttiroler Betrieb grundlegend um. Der klassische Milchviehbetrieb wich einer extensiveren Wirtschaftsweise mit Mutterkuhhaltung, vielfältigem Ackerbau und einem starken Fokus auf Bodengesundheit. Heute bilden Acker und Weide eine funktionierende Kreislaufwirtschaft: Mist und Gülle der Rinder düngen die Felder, Nebenprodukte aus dem Ackerbau dienen als Futter. Das Grünland wird statt vier- bis sechsmal nur noch ein- bis dreimal jährlich gemäht und dies mit sichtbarem Effekt auf die Artenvielfalt.

Mohnfeld

Mohnfeld

Produkte von Familie Halbfurter

Produkte von Familie Halbfurter

Michael Halbfurter in seiner Hanfplantage

Michael Halbfurter in seiner Hanfplantage

Halbfurter im Hanffeld

Halbfurter im Hanffeld

Zu den ungewöhnlichsten Kulturen auf Halbfurters Feldern zählen Hanf und Lein. Der Einstieg in den Hanfanbau war eher zufällig: Als zwei HTL-Schüler Interesse an der Pflanze zeigten, stellte er kurzerhand Anbaufläche zur Verfügung. Heute ist Hanf eine feste Größe am Betrieb, denn die Pflanze lockert mit ihren Wurzeln den Boden, unterdrückt Unkraut und verbessert nach der Einarbeitung des Strohs die Wasserspeicherung. Nicht alles lief von Anfang an reibungslos: Die vorhandenen Maschinen mussten erst an die robusten Pflanzenfasern angepasst werden. Halbfurter nimmt das gelassen: „Die Natur zeigt uns, wo der Weg hingeht. Man muss nur flexibel bleiben und offen für Veränderungen."

Irene Lüdemann: Alte Sorten, neue Wege

Auf den Feldern von Irene Lüdemann im Waldviertel wachsen Getreide-Raritäten, die anderswo längst verschwunden sind: Berglandroggen, Nackthafer, Dinkel, Rotweizen und viele davon aus regionaler Tradition oder über den Verein Arche Noah erhalten. Ergänzt wird das Sortiment durch Leinsamen, Kümmel und Erdäpfel.

Eberesche, Trticale und Lerchenfenster

Eberesche, Trticale und Lerchenfenster

Agroforst Birke mit Feldwespe

Agroforst Birke mit Feldwespe

Irene Lüdemann

Irene Lüdemann

Mehrnutzenhecke

Mehrnutzenhecke

Seit 2009 arbeitet der Betrieb pfluglos: Mulchsaat, Zwischenfrüchte und Untersaaten halten die Felder ganzjährig begrünt, bauen Humus auf und speichern Wasser. Das ist ein entscheidender Vorteil in einer Region, die zunehmend unter Trockenheit und Winderosion leidet. „Dadurch, dass unsere Flächen immer bedeckt sind, merkt man schon eine deutliche Verbesserung: Das Bodenleben ist viel lebendiger und die Kulturen wachsen besser", erzählt sie. Seit einigen Jahren setzt die Familie zusätzlich auf Agroforstsysteme: Auf sieben Feldern wurden fast 1.500 Bäume und Sträucher gepflanzt, rund 800 Meter Mehrnutzenhecken mit 25 verschiedenen Arten angelegt. Trockensteinmauern und stehen gelassene Ackerraine bieten Insekten und Kleintieren Rückzugsorte. „Gleich nach dem Pflanzen der ersten Baumreihen waren schon Falken, Eidechsen und Feldwespen da. Die Natur erobert sich ihren Platz schnell wieder zurück, wenn man sie lässt", sagt Lüdemann.

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