Kuh, futuristisch

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Tiergesundheit 4.0 und die Milchkuh von morgen

Mit klug genutzten Daten und digitalen Tools lassen sich gesündere und leistungsbereitere Kühe züchten. Das sagen Experten zum Ist-Zustand in den heimischen Herden und der Rinderzucht von morgen.

Die Flut an digitalen Daten hat heute nahezu alle Lebensbereiche erreicht und ist spätestens seit dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz in aller Munde. Auch Milchviehhalter und die gesamte Rinderzucht können davon profitieren. Wie das gehen soll, wurde beim diesjährigen Rinderzucht-Austria-Seminar am Heffterhof in Salzburg unter dem Motto „Mit Daten zur gesunden Kuh“ erörtert.

Wertvolle Ergänzung

Ein Begriff dominierte im LK-Seminarzentrum im März die Debatte: Tiergesundheit 4.0. Laut Michael Iwersen von der Klinik für Wiederkäuer an der Ludwig-Maximilians-Universität München leitet sich dieser von „Industrie 4.0“ ab, welcher die Digitalisierung des Sektors beschreibt. In der Landwirtschaft spricht man akademisch von „Precision Farming“, am Tierhaltungsbetrieb entsprechend von „Precision Lifestock Farming“. Diese hält heute längst auch auf Österreichs Milchviehbetrieben Einzug, durch Automatische Melksysteme (AMS), sensorgestützte Einzeltierdatenerfassung (etwa durch Boli) und moderne Fütterungstechnik.

Für Iwersen allesamt wertvolle Hilfsmittel. Nachsatz: „Die sorgfältige Untersuchung im Stall, das Gespräch mit dem Betriebsleiter und die fundierte therapeutische Entscheidung sind durch kein digitales System zu ersetzen.“ Sehr wohl zeige sich in Praxis und Forschung aber, dass die digitalen Werkzeuge helfen können, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. „Sensorbasierte Systeme erfassen Veränderungen im Wiederkauverhalten oder der Bewegung oft mehrere Tage, bevor klinische Symptome auftreten“ so der Veterinärmediziner.

Werden die Sensordaten gemeinsam mit Laborergebnissen analysiert, lassen sich Rückschlüsse etwa auf das Ketose-Risiko in der Transitphase ziehen.

Daten vereinheitlichen ist Trumpf

Dieser Datenschatz soll nun auch vermehrt in der Selektion und der Rinderzucht insgesamt genutzt werden. Denn Erkrankungen bringen nicht nur Tierleid mit sich, sie kosten auch bares Geld. So schlägt Lahmheit durch Mehrarbeit und Leistungseinbußen pro Kuh und Fall etwa mit 450 Euro zu Buche. Die ZuchtData EDV-Dienstleistungen GmbH, die für die Rinderzucht Austria das Datenmanagement übernimmt, will das durch Nutzung des vorhandenen Datenmaterials in der Selektion langfristig bestmöglich verhindern.

Der Grundstein dafür wurde vor mittlerweile 20 Jahren mit dem Gesundheitsmonitoring Rind (Gmon) gelegt. Der vom Gesundheitsministerium dafür herausgegebene Tiergesundheitsschlüssel dient heute dem Rinderdatenverbund, dem LKV-Herdenmanager und den seit 2013 in den Gesamtzuchtwerten (GZW) integrierten Gesundheitszuchtwerten als Basis. Und genau das ist den ZuchtData-Mitarbeitern zufolge der springende Punkt. Nur vereinheitlichte Daten können auch für die Zuchtwertschätzung und damit zur Verbesserung der Tierleistungen herangezogen werden. In der Praxis liefert ein Gros der Daten die Tierärzteschaft, teils auch Bauern und die LKV-Mitarbeiter. Im Kontrolljahr 2025 wurden so Diagnosedaten von mehr als der Hälfte der Fleckviehkühe im Land erfasst.

Fruchtbarkeit, gute Klauen und vieles mehr

Mit der Tiergesundheit 4.0 kommen nun auch potenzielle neue Datenquellen für Hilfsmerkmale in der Zucht hinzu. So können etwa für das Merkmal Fruchtbarkeit Aktivitätssensoren, die zur Brunsterkennung verwendet werden, Informationen liefern, welche die bisher verwendeten Besamungs- und Abkalbedaten ergänzen. Selbiges gilt für die automatisierte Progesteron-Messung in der Milch im AMS. Zur Verbesserung der Eutergesundheit kann eine standardmäßige Berücksichtigung des Laktoseanteils in der Milch beitragen, der den Fachleuten zufolge bei sich anbahnender Mastitis üblicherweise sinkt.

Auch für die Überwachung der Stoffwechselaktivität liefern verschiedenste Sensoren mittlerweile zuverlässig Daten, die weit über die Wiederkauaktivität hinausgehen. Auch zur standardisierten Erfassung der Klauengesundheit steht mit der „Klauenprofi“-App eine Anwendung für professionelle Klauenpfleger zur Verfügung. „Was nicht dokumentiert wird, kann nicht ausgewertet oder verbessert werden“, brachte es Katharina Hoffelner von der Arge österreichische Klauenpfleger am Heffterhof auf den Punkt.

Für die Zuchtprogramme sind laut ZuchtData EDV demnach nun großflächige (und günstige) Datensätze für die Phänotypisierung potenziell verfügbar. Weitere Untersuchungen der genetischen Parameter stünden allerdings noch aus. International sind solche Daten in puncto Melkbarkeit und Exterieur bereits Teil der Zuchtprogramme.

So gesund sind die Kühe bereits

Auch wenn eine vollständige Nutzung der neuen Daten in der Praxis also noch Zukunftsmusik ist, sind die heimischen Zuchtviehbestände durch die seit zwölf Jahren berücksichtigten Fitnessmerkmale gut dabei. Derzeit werden für die österreichischen Milch- und Doppelnutzungsrassen 15 Fitness- und Gesundheitsmerkmale veröffentlicht, welche je nach Rasse unterschiedlich gewichtet im GZW Berücksichtigung finden.

Der ZuchtData zufolge sind deren Erfolge in den genetischen Trends bereits erkennbar (siehe Grafiken). So habe sich insbesondere der Fitnesskomplex zusehends positiv entwickelt. Die Verschlechterung nach Jahren der einseitigen Zucht auf Milchleistung konnte demnach mittlerweile gebremst, durch die genomische Selektion sogar „ins Positive gedreht“ werden.

Auch bei den direkten Gesundheitsmerkmalen sei die Entwicklung stabil bis steigend. Insbesondere die Eutergesundheit habe sich verbessert. Beim Thema Klauengesundheit der Rasse Fleckvieh steht diese Trendwende noch aus. Die leicht negative Entwicklung wollen die Fachleute aber spätestens 2028 mit der Integration des Merkmals in den GZW ausgebügelt wissen. Dann soll ebenso der sogenannte Stoffwechselkomplex (neben Milchfieber- auch Ketoseanfälligkeit) Einzug in der Zuchtwertschätzung halten. Geplant ist auch eine Berücksichtigung der genetischen Komponente von Hitzestress.

Die neuen Möglichkeiten der Datenerfassung ebnen dafür den Weg. Oder wie es der Geschäftsführer des Fleckviehzuchtverbandes Inn- und Hausruckviertel, Josef Miesenberger, sinngemäß formulierte: „Die neuen Zahlen sollen mehr sein als ein Wert, um Fehlentwicklungen zu dokumentieren.“

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