Gender Gap Landwirtschaft: Wo Geschlechterungleichheit auf heimischen Höfen noch sichtbar ist
Die Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen hat analysiert, wo Frauen und Männer in der Landwirtschaft unterschiedliche Voraussetzungen haben. Die Ergebnisse liefern Hinweise auf Ursachen und mögliche Lösungen.
Frauen sind aus der österreichischen Landwirtschaft nicht wegzudenken. Sie arbeiten im Stall und auf dem Feld, führen Betriebe, entwickeln neue Einkommenszweige und engagieren sich in Gemeinden und Interessenvertretung. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Frauen und Männer in der Landwirtschaft nicht in allen Bereichen die gleichen Voraussetzungen haben, wie etwa beim Zugang zu Eigentum, bei Investitionen oder bei der sozialen Absicherung. Analysen der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen beleuchten diese Unterschiede.
Anteil hoch, aber strukturelle Unterschiede
Im europäischen Vergleich weist Österreich einen hohen Anteil an Frauen in der land- und forstwirtschaftlichen Betriebsleitung auf. Laut Statistik werden 36 Prozent der Betriebe von Frauen geführt. Damit liegt Österreich im EU-Vergleich im oberen Drittel.
Dieser Wert allein vermittelt jedoch nur einen Teil des Bildes. Ein genauer Blick auf die Betriebsstrukturen zeigt deutliche Unterschiede zwischen weiblicher und männlicher Betriebsleitung. „Es zeigt sich, dass Betriebsleiter im Vergleich zu Betriebsleiterinnen die größeren Betriebe bewirtschaften. Je größer die Betriebe werden, desto seltener ist deren Leitung in Frauenhand“, erklärt Theresia Oedl-Wieser von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen. Auch die Altersstruktur unterscheidet sich. Während junge Betriebsleiterinnen relativ selten sind, steigt der Frauenanteil mit zunehmendem Alter deutlich an. „Der sichtlich höhere Anteil an Betriebsleiterinnen in den Altersklassen ab 50 Jahren dürfte vielfach darauf zurückzuführen sein, dass Frauen nach der Pensionierung des Mannes den Betrieb pachten oder übernehmen“, sagt Oedl-Wieser.
Darüber hinaus dürfe Betriebsleitung nicht automatisch mit Eigentum gleichgesetzt werden. In Österreich werden etwa 13 Prozent der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe in Ehegemeinschaften geführt, also mit gemeinsamer Betriebsleitung und gemeinschaftlichem Eigentum. In vielen anderen Fällen sei die formale Leitung nicht identisch mit den Eigentumsverhältnissen.
Altersvorsorge: Ein deutlicher Gender-Gap
Ein Bereich, in dem Unterschiede besonders deutlich sichtbar werden, ist die soziale Absicherung im Alter. Bäuerinnen beziehen im Durchschnitt deutlich niedrigere Pensionen als Bauern. Ein Unterschied, der volkswirtschaftlich als „Gender-Gap“ (auf deutsch „Geschlechterlücke“) bezeichnet wird. „Was mir als erstes zum Gender-Gap in der Landwirtschaft einfällt, ist die soziale und finanzielle Absicherung der Frauen, vor allem im Alter“, betont die Abteilungsleiterin für ländliche Sozialforschung Oedl-Wieser. Die Ursachen dafür sind vielfältig. Sie reichen von unterschiedlichen Erwerbsbiografien über Teilzeitphasen bis hin zu geringeren Einkommen oder fehlender eigenständiger Absicherung. „Derzeit bekommen Bäuerinnen eine geringere Alterspension als Bauern. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen, auch gemeinsam mit ihren Partnern, frühzeitig über ihre soziale Absicherung und eine ausreichende Altersvorsorge nachdenken“, sagt die Expertin. Ein wichtiger Ansatzpunkt sei ein leicht zugängliches Informations- und Beratungsangebot, etwa durch die Sozialversicherung der Selbstständigen. Denkbar wären beispielsweise regelmäßige Informationen über die Höhe der bisher erworbenen Pensionsansprüche.
Es ist wichtig, dass Frauen rechtzeitig über ihre soziale Absicherung nachdenken.
Theresia Oedl-Wieser
Frauen suchen seltener um Investförderung an
Ein weiterer Schwerpunkt der Analysen betrifft Investitionsförderungen in der Landwirtschaft. Diese spielen eine zentrale Rolle für die Modernisierung von Betrieben, für Stallbau, Maschinenanschaffungen oder Diversifizierungsprojekte. Auswertungen der Förderprogramme zeigen, dass von Frauen geführte Betriebe deutlich seltener Investitionsförderungen beantragen als Betriebe mit männlicher Betriebsleitung. Das betrifft sowohl klassische Investitionen in die landwirtschaftliche Produktion als auch Diversifizierungsmaßnahmen.
Die Datenauswertung im Rahmen eines Forschungsberichts der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft und Bergbauernfragen zeigt: Betriebsleiterinnen sind im Verhältnis zu ihrem Anteil an allen Betrieben bei Förderanträgen unterrepräsentiert. Warum das so ist, lasse sich anhand der vorhandenen Daten allerdings nur eingeschränkt erklären. „Welche Rückschlüsse aus der quantitativen Datenauswertung nicht gezogen werden können, sind etwa die tatsächlichen Entscheidungsstrukturen auf den einzelnen Betrieben oder der konkrete Bedarf der Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen“, erklärt Oedl-Wieser. Auch mögliche Hürden im Förderdesign, bei Banken oder in der Beratung lassen sich aus den bestehenden Datensätzen nicht eindeutig ableiten
Investitionsschwerpunkte auf den Betrieben
Die vorhandenen Daten deuten darauf hin, dass es Unterschiede in den Investitionsschwerpunkten geben könnte. Beispielsweise investieren Frauen häufiger in Diversifizierungsbereiche, etwa Direktvermarktung, Urlaub am Bauernhof oder andere ergänzende Einkommenszweige.
Allerdings betont Theresia Oedl-Wieser, dass diese Unterschiede nicht vorschnell ausschließlich auf das Geschlecht zurückgeführt werden sollten. „Diese Unterschiede sind nicht zwingend kausal auf das Geschlecht der Betriebsleitung zurückzuführen. Auch Faktoren wie Betriebsgröße, Lage oder Betriebsschwerpunkt spielen eine wichtige Rolle“, sagt sie. Gleichzeitig zeigen Studien aus anderen Wirtschaftsbereichen, dass Frauen bei Investitionen oft vorsichtiger agieren.
Für die Entwicklung des ländlichen Raums sieht sie dennoch große Chancen. Diversifizierung, Innovationen und neue Geschäftsmodelle könnten wichtige Impulse für viele Betriebe liefern und dies gerade in Zeiten struktureller Veränderungen. „Angesichts der anhaltenden strukturellen Veränderungen im Agrarbereich und des Generationenwechsels auf vielen Betrieben können Frauen als Schlüsselakteurinnen für zukünftige Entwicklungen angesehen werden“, betont die Abteilungsleiterin.
Wie nehmen Sie die Chancengleichheit zwischen Frauen und Männern in der österreichischen Landwirtschaft wahr?
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Rollenbilder verändern sich langsam
Landwirtschaftliche Betriebe sind in der Regel Familienbetriebe. Entscheidungen über Investitionen, Betriebsentwicklung oder Hofnachfolge werden daher oft innerhalb der Familie getroffen. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich traditionelle Rollenbilder zwar teilweise verändert, doch Unterschiede bestehen weiterhin. „Es gibt nach wie vor Unterschiede zwischen Frauen und Männern in Bezug auf Entscheidungsfindung, Managementaufgaben, Vertretungsmacht nach außen sowie bei der Arbeitsverteilung in Betrieb und Haushalt“, erklärt Oedl-Wieser. Besonders die sogenannte Sorgearbeit, also Kinderbetreuung, Pflege oder organisatorische Aufgaben im Haushalt, liegt häufig weiterhin überwiegend bei den Frauen. Ein wichtiger Schritt wäre daher ein offener Austausch innerhalb der Familien über Rollenverteilung, Entscheidungsprozesse und Hofnachfolge. „Es wäre wichtig, dass es in den bäuerlichen Familien einen offenen Diskurs über tradierte Geschlechterrollen, Aufgabenverteilung und Hofnachfolge gibt“, sagt die Agrarökonomin.
Es sollte in den Familien einen offenen Diskurs über Geschlechterrollen und Hofnachfolge geben.
Um Gleichstellungsfragen in der Agrarpolitik künftig stärker berücksichtigen zu können, brauche es vor allem eine bessere Datengrundlage. Förderprogramme und politische Maßnahmen könnten dadurch gezielter gestaltet werden. „Es müssen geschlechterspezifische Daten erhoben, ausgewertet und in ihren Zusammenhängen analysiert werden“, sagt Oedl-Wieser. Langfristig könnte eine konsequente Berücksichtigung von Gleichstellungsaspekten auch den Alltag vieler Frauen in der Landwirtschaft verändern. „Das zentrale Gleichstellungsziel ist die existentielle Eigenständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit von Frauen und Männern“, betont Oedl-Wieser.
Gleichstellung als Zukunftsfrage
Die Diskussion um Gleichstellung wird in der Landwirtschaft manchmal als gesellschaftspolitisches Randthema wahrgenommen. In der Forschung wird sie jedoch zunehmend auch als wirtschaftliche Zukunftsfrage gesehen. Die Landwirtschaft steht vor großen Herausforderungen: Strukturwandel, Klimaanpassung, neue Marktanforderungen und ein bevorstehender Generationenwechsel auf vielen Betrieben. „Die aktuellen Innovations- und Transformationsprozesse in Landwirtschaft und ländlichen Regionen erfordern das Engagement aller Beteiligten, unabhängig vom Geschlecht“, sagt Oedl-Wieser. Wenn Frauen stärker als bisher in Eigentum, Entscheidungen und Investitionen eingebunden werden, könnten ihre Kompetenzen und Ideen noch stärker zur Weiterentwicklung der Betriebe beitragen.