Interview Corinna Weisl

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Ein Jahr Bauernbund-Direktorin: Corinna Weisl zieht Bilanz

Die Direktorin des Östereichischen Bauernbundes, Corinna Weisl, stand der BauernZeitung zu den heißen Eisen der Agrarpolitik Rede und Antwort.

BauernZeitung: Frau Weisl, seit gut einem Jahr führen Sie die Geschicke im Österreichischen Bauernbund. Ihr Start fiel in turbulente Zeiten. Wie fällt ihr Fazit aus?

WEISL: Es war ein sehr intensives, aber auch ein sehr erfüllendes Jahr. Mein Start ist tatsächlich in eine Phase gefallen, in der auf europäischer Ebene viele grundlegende Fragen für die Landwirtschaft verhandelt wurden. Ich war von Beginn an viel draußen bei Versammlungen, Hofgesprächen und Bezirksbauernkonferenzen. Mir war wichtig, nicht nur aus Wien heraus zu arbeiten, sondern die Stimmung direkt aufzunehmen. Gerade dieses Zuhören ist für mich ein zentraler Teil meiner Aufgabe. Politik muss nah bei den Menschen sein. Wir müssen Arbeitsaufträge draußen abholen und sie dann in die politische Arbeit übersetzen.

Und wie steht es um die Arbeitsbilanz des Bauernbundes? Zufrieden?

Eines steht fest: Wir arbeiten mit ganzer Kraft für unsere bäuerlichen Familienbetriebe. Entscheidend ist, dass unsere Arbeit konkret bei den Betrieben ankommt. In den vergangenen Monaten ist einiges gelungen: Wir haben wichtige Bereiche des Agrarbudgets abgesichert, Planungssicherheit in der Schweinehaltung geschaffen, beim Wolf mehr Handlungsspielraum erreicht, bei der Entwaldungsverordnung Vereinfachungen durchgesetzt, bei der Pflanzenschutzmittelzulassung Bewegung hineingebracht und auch den Agrardiesel wird es weiterhin geben. Wir haben einiges erreicht und werden weiterhin zielgerichtet an zahlreichen Projekten arbeiten.

100 Millionen Euro für den Agrardiesel ist in der aktuellen Situation keine Selbstverständlichkeit.

Corinna Weisl

Mit den noch einige Tage laufenden Verhandlungen zum Doppelbudget 2027/28 samt Konsolidierungsbedarf wird es auch auf nationaler Ebene nicht langweilig.

Die Budgetkonsolidierung ist eine gemeinsame Kraftanstrengung. Alle Bereiche müssen einen Beitrag leisten, auch die Landwirtschaft. Entscheidend ist aber, dass dieser Beitrag maßvoll bleibt und unsere bäuerlichen Familienbetriebe nicht zusätzlich unter Druck setzt. Für uns steht an erster Stelle, dass die Bauerngelder abgesichert bleiben. Gerade die GAP-Mittel sind die Grundlage dafür, dass unsere Betriebe planen, investieren und ihre Leistungen für Versorgung, Umwelt und ländlichen Raum erbringen können. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat in den Verhandlungen 100 Millionen Euro für die Agrardieselrückvergütung abgesichert. Das ist in der aktuellen Budgetsituation keine Selbstverständlichkeit, sondern hart erkämpft. Auch das bäuerliche Sozialversicherungssystem bleibt abgesichert.

Aus den Ländern wurde der Ruf nach einer weiteren Entlastung im noch laufenden Jahr laut. Geht da noch was?

Die Rufe aus den Ländern wurden gehört. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat in harten Verhandlungen durchgesetzt, dass die Agrardieselrückvergütung deutlich früher ausbezahlt wird. Gemeinsam mit Bundeskanzler Christian Stocker wurde dafür gesorgt, dass die Entlastung nicht erst Ende 2027, sondern bereits im Dezember 2026 gemeinsam mit der AMA-Hauptauszahlung bei den Betrieben ankommen soll.

Sie waren zuletzt in Straßburg bei der Kundgebung europäischer Bauernorganisationen zum EU-Düngemittel-Aktionsplan. Reicht dieser aus, um die Betriebe bei den Düngerkosten zu entlasten?

Nein, aus unserer Sicht ist das viel zu wenig. Der EU-Düngemittel-Aktionsplan enthält zwar richtige Ansätze, bringt den Betrieben kurzfristig aber keine ausreichende Entlastung. Düngemittel sind essenziell und müssen für unsere Bauernfamilien leistbar bleiben. Es ist nur fair und logisch konsequent: Wenn Landwirtinnen und Landwirte einen erheblichen Teil der CO2-bezogenen Kosten tragen, müssen auch CO2-bezogene Einnahmen bei ihnen ankommen. Die Düngemittelkrise von heute darf nicht zur Lebensmittelkrise von morgen werden.

An Brisanz verliert auch das Thema Handel nicht. Was sagen Sie zu den in Wien gefundenen 75.000 ungestempelten Eier aus der Ukraine?

Was hier passiert ist, ist nicht hinzunehmen. Wenn 75.000 nicht ordnungsgemäß gekennzeichnete Eier aus einem Drittstaat gestoppt werden, dann ist das eine schwerwiegende Verfehlung und zeigt, wie wichtig konsequente Kontrollen sind. Es geht um Herkunft, Haltungsform, Rückverfolgbarkeit und Vertrauen. Genau hier darf es null Toleranz geben. Als Bauernbund nehmen wir auch den Handel klar in die Pflicht. Bei Frischeiern gibt es aus meiner Sicht keinen Grund, nicht konsequent auf österreichische Ware zu setzen.

Für Produkte aus Drittstaaten müssen dieselben strengen Standards gelten.

Corinna Weisl

Im Jänner hat der Bauernbund seine Kampagne „Schleuderpreise stoppen“ samt Petition genau diesem Thema gewidmet. Wie fällt hier die Bilanz aus?

Wir blicken auf eine sehr erfolgreiche Kampagne zurück. Mehr als 20.000 Menschen haben unsere Petition unterschrieben und damit unsere Forderung unterstützt, dass Bäuerinnen und Bauern einen fairen Anteil an der Wertschöpfung erhalten, damit die Lebensmittelversorgung in Österreich auch in Zukunft gesichert ist. Unsere Videos wurden auf Social Media insgesamt über 4,5 Millionen Mal aufgerufen. Damit war „Schleuderpreise stoppen“ die erfolgreichste Social-Media-Kampagne in der Geschichte des Österreichischen Bauernbundes. Aber noch wichtiger ist, dass die Kampagne Wirkung gezeigt hat. Ein konkreter Erfolg ist, dass Lidl deutsche Haltbarmilch und deutsche Butter aus dem Sortiment genommen hat. Das zeigt: Es bewegt sich etwas, wenn man Missstände klar anspricht.

Nehmen Sie die Ergebnisse der Kampagne auch in die Verhandlungen rund um die Herkunftskennzeichnung mit?

Ja, natürlich. Mehr als 20.000 Unterschriften zeigen, dass die Menschen faire Bedingungen für unsere bäuerlichen Familienbetriebe wollen und wissen möchten, woher ihre Lebensmittel kommen. Die gesetzliche Herkunftskennzeichnung ist für uns der nächste logische Schritt. Wenn Konsumenten zu österreichischer Qualität greifen wollen, müssen sie diese auch erkennen können.

Warum braucht es hier auch eine europäische Lösung?

Weil Lebensmittelhandel nicht an der Staatsgrenze endet. Wir haben einen gemeinsamen europäischen Binnenmarkt. Wenn Produkte aus Drittstaaten in die EU kommen, müssen für sie dieselben strengen Standards gelten wie für unsere Bäuerinnen und Bauern. Hier geht es um die Gesundheit der Menschen. Da darf es keine Kompromisse geben.

Stichwort EU. Die Ukraine hat seit 2022 offiziell Beitrittskandidatenstatus. Unter Bauern wächst seither die Sorge vor dem gewichtigen Agrarland. Sind die Ängste berechtigt?

Die Sorgen sind ernst zu nehmen. Die Ukraine ist ein großes Agrarland mit anderen Betriebsgrößen, anderen Kostenstrukturen und teilweise anderen Produktionsbedingungen. Eine schnelle Aufnahme der Ukraine in die EU lehnen wir daher klar ab. Auch eine faktische Zusammenführung der Märkte können wir uns unter diesen Voraussetzungen nicht vorstellen.

Wenn die Ukraine näher an den europäischen Binnenmarkt heranrückt, braucht es klare Regeln, lange Übergangsfristen und wirksame Schutzmechanismen. Wer Zugang zum europäischen Markt bekommt, muss auch europäische Standards erfüllen. Solidarität mit der Ukraine ja, aber nicht auf dem Rücken unserer bäuerlichen Familienbetriebe.

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