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160 Euro EU-Prämie pro Kuh in der Ukraine?

In den vergangenen Tagen und Wochen sorgten Meldungen von möglichen EU-Beihilfen für die ukrainische Milchwirtschaft für Aufsehen. Die BauernZeitung hat recherchiert, was es damit auf sich hat.

Die EU-Landwirtschaft steht der Annäherung der Ukraine an den europäischen Binnenmarkt äußerst skeptisch gegenüber, aus bekannten Gründen. Entsprechend groß war der Aufschrei, als vor wenigen Wochen medial eine Forderung der ukrainischen Regierung nach Hilfsgeldern aus Brüssel bekannt wurde.

Verband forderte Geld, Kiew machte sich auf die Suche

Tatsächlich hat der Ukrainische Milcherzeugerverband AMP vor wenigen Wochen öffentlich Unterstützung für die Branche gefordert. Unter Berufung auf den statistischen Dienst des Staates gab man an, dass der Milchkuhbestand auf Groß- und Familienbetrieben im Land binnen eines Jahres um fast 200.000 Tiere eingebrochen sei. Mit 1. März wurden in der gesamten Ukraine demnach noch 953.000 Kühe gehalten, davon fast die Hälfte in privaten Ställen, wohl zur Eigenversorgung. „Die Haltung von Kühen ohne staatliche Unterstützung wird wirtschaftlich immer schwieriger“, hieß es in einer Aussendung des AMP. Gefordert wurde deshalb vorerst ein einmaliges Finanzhilfepaket in Höhe von 8.000 ukrainischen Hrywnja, umgerechnet die vielzitierten 160 Euro pro Milchkuh. „Zu diesem Zweck ist die Beschaffung internationaler Finanzmittel geplant“, informierte der Verband. Tatsächlich hatte der Agrarausschuss des Parlaments in Kiew zugesichert, die Initiative umzusetzen.

Keine Beihilfe aus Brüssel

Bisher war nicht zu belegen, ob die Regierung in Kiew auch tatsächlich bei der EU um die ominöse Milchkuh-Hilfe angesucht hatte. Die BauernZeitung hat bei der EU-Kommission nachgefragt, was es damit auf sich hat. Eine offizielle Stellungnahme gab es nicht. Aus informierten Kreisen war aber zu vernehmen, dass der ukrainische Wirtschafts- und Landwirtschaftsminister, Oleksii Sobolev, tatsächlich ein Schreiben mit der Bitte um Zahlungen übermittelt haben dürfte. Die Kommission kam diesem Wunsch offenbar aber nicht nach.

Bei der Milch keine Konkurrenz

In puncto Außenhandel mit Milchprodukten ist die Ukraine übrigens alles andere als ein großer Player am Weltmarkt. Der eingangs erwähnte Milchkuhbestand ist im Vergleich mit hiesigen Verhältnissen gering. Zur Einordnung: In Österreich werden rund 536.000 Milchkühe gehalten. Hierzulande steht also eine Kuh pro 17 Staatsbürger im Stall. In der Ukraine kommt eine Kuh auf 38 Bürger. Verschärft wird das dem ukrainischen Milchindustrieverband zufolge durch eine wachsende Inlandsnachfrage, trotz Kriegszustand. Gedeckt wird diese überwiegend aus der professionellen Tierhaltung, welche aber nur rund 54 Prozent des Milchviehbestandes ausmacht.

Entsprechend gering fallen die Exporte der Ukraine bei Milchprodukten aus. Zuletzt wurden pro Jahr etwa 6.000 Tonnen Butter in die EU ausgeführt. Umgerechnet in Milchäquivalente exportiert die EU dreimal so viel Milch in die Ukraine, vorwiegend in Form von Käse. Österreich erreicht, Handelsexperten zufolge, überhaupt keine ukrainische Milch. In geringen Mengen fänden aber Exporte in die Region statt.

EU im Handelsabkommen als Profiteur

Entwarnung gibt es von offizieller Seite auch beim im Vorjahr aktualisierten Handelsabkommen der EU mit der Ukraine (DCFTA). „Speziell im Bereich Milchprodukte profitieren EU-Milchexporteure dank des Abkommens von Zollsenkungen oder einer vollständigen Liberalisierung beim Verkauf von Produkten wie Käse, Butter und Milchpulver in die Ukraine“, erklärt Louise Bogey, Agrarsprecherin der EU-Kommission.

Im Vorjahr wurde ihren Ausführungen zufolge allein Milch im Wert von 300 Mio. Euro aus der EU in die Ukraine exportiert. „Im Gegenzug hat die EU der Ukraine zusätzliche Zugeständnisse für den Export bestimmter Milchprodukte wie Milch, Joghurt, Butter und Milchpulver gewährt“, weiß Bogey.

Zu beachten ist hierbei, dass das DCFTA eine schrittweise Angleichung der Ukraine an die EU-Produktionsstandards vorsieht. Der Milcherzeugerverband in Kiew ist offenbar gewillt, diese langfristig zu erfüllen. Mit Verweis auf zukünftig bessere Erzeugerpreise und gute Exportchancen versucht man, große Betriebe bei der Stange zu halten, trotz derzeit auch dort attraktiver Rindfleischpreise und geringer Gewinnspannen in der Milchproduktion. Ob das ohne staatliche Gelder gelingen wird, bleibt offen.

Landwirtschaft in der UkraineAndere Länder, andere Agrarstrukturen. Ein Überblick.

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