Kinder füttern Kühe im Stall mit Heu.

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Schule am Bauernhof: Wo für Kinder das Lernen zum Erlebnis wird

Auf dem „Erlebnisbauernhof Schwarz“ in Münzkirchen (OÖ) gibt es für die jungen Gäste viel zu entdecken. Sie sehen, wo die Milch wirklich herkommt, helfen beim Füttern der Tiere und erleben, wie aus einfachen Zutaten Lebensmittel entstehen.

Dicht aneinandergedrängt sitzen sie da, leise und konzentriert. So ruhig erlebt man eine Kindergartengruppe selten. Der Grund dafür ist klein und hat ein weiches Fell: Zwergkaninchen. Rosa, Niklas, Amelie und Valentina haben eines auf dem Schoß, die anderen strecken ihre Hände danach aus und streicheln die Tiere, die selbst überaus ruhig und geduldig wirken. Bäuerin Sandra Kothbauer bringt noch einen weiteren Hasen. „Das ist unser Raffaello. Er heißt so, weil er ganz weiß ist“, schmunzelt sie.

Am Erlebnisbauernhof der Familie Kothbauer in Münzkirchen ist an diesem Vormittag die Kindergarten-Gruppe „Lila“ aus Andorf zu Gast. Für die zwischen drei und sechs Jahre alten Kinder ist er kein unbekannter Ort. „Wir kommen schon seit Jahren regelmäßig hierher. Die Kinder freuen sich immer sehr auf diesen Tag, der Ausflug ist für sie ein großes Erlebnis“, sagt Anna Steininger, die stellvertretende Leiterin des Kindergartens. Heute dreht sich alles um das Thema Getreide und Brot.

Tiere streicheln und füttern

Zuerst stehen aber die Tiere im Mittelpunkt. Nur ein paar Schritte von den Kaninchen entfernt reckt Ziege Lieselotte schon schon ihren Hals über den Zaun. Die Kinder füttern das Tier, das geduldig ein paar Löwenzahnblätter entgegennimmt. Im Stall wartet die nächste Aufgabe: Heu an die Kühe verteilen. Die kleinen Besucher greifen beherzt zu, tragen Futter zu den Tieren und werfen es ihnen kichernd vor die Mäuler.

Dann gibt es eine kleine Pause zum Jausnen. Kurz wird ein bisschen Fangen gespielt und geschaukelt, aber schon gibt es für die Gruppe den nächsten Programmpunkt im Seminarraum. Die Bäuerin hat Teig vorbereitet und verteilt ihn. Für Sandra Kothbauer ist die Arbeit mit Kindern eine Herzensangelegenheit. Ursprünglich war sie Kinderkrankenschwester, ehe sie als Quereinsteigerin auf den Hof kam. Damit ließ sich ihr Beruf aus zeitlichen Gründen nicht vereinbaren. „Wenn ich nicht mehr zu den Kindern kann, dann müssen die Kinder eben zu mir kommen“, sagt sie und lächelt. So entstand die Idee, das Projekt „Schule am Bauernhof“ am Betrieb zu etablieren.

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Projekt "Schule am Bauernhof"

„Schule am Bauernhof“ ist ein bundesweites Projekt des Ländlichen Fortbildungsinstitutes (LFI) mit Bildungsangeboten für Kinder und Jugendliche. Qualifizierte Bäuerinnen und Bauern vermitteln verschiedene Inhalte auf ihren Betrieben. Vermittelt werden soll eine verantwortungsvoller Umgang mit Tieren und der Natur sowie die Bedeutung von Herkunft und Qualität von Lebensmitteln. Die Initiative feierte Ende 2024 das 25-Jahr-Jubiläum.

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Getreide mahlen und Weckerl formen

Am großen Tisch wird eifrig geknetet und gerollt, jedes Kind darf sein eigenes Gebäck formen. Mohn, Salz, Kümmel und Kürbiskerne stehen zum Bestreuen bereit. „Schau, das ist meins!“, ruft Raffael stolz und hält sein Kunstwerk in die Höhe.

Während die Weckerl kurz rasten, gibt es eine kleine Unterrichtseinheit, wenngleich der vor allem für Volksschüler konzipierte theoretische Teil heute etwas vereinfacht präsentiert wird. Mit einem überdimensionalen Getreidekorn aus Stoff erklärt Sandra Kothbauer den Aufbau eines Korns. Schicht für Schicht wird gemeinsam zerlegt. Danach dürfen die Kinder selbst aktiv werden: Mehl wird gemahlen, Körner werden zu Flocken gequetscht. Wer mag, darf einmal selbst an der Kurbel drehen.

Jetzt kommen die Weckerl in den Ofen und die Gruppe kann wieder ihrem Bewegungsdrang nachgeben – in einem ganz besonderer „Turnsaal“: Ein Teil des Heubodens ist ein Paradies aus Stroh, Schaukeln und Ringen, in dem die Kinder ausgelassen herumtoben können. „Wir wollten etwas schaffen, das das ganze Jahr über und bei jedem Wetter genutzt werden kann“, erklärt die 53-jährige Landwirtin.

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Tiere können "Türöffner" sein

Die Zeit ist wie im Flug vergangen. Die fertig gebackenen Weckerl werden noch verteilt, da steht im Hof schon der Bus für die Rückfahrt bereit. Die Kinder steigen winkend ein. Sie haben heute nicht nur Tiere gestreichelt, sondern auch erlebt, wo Lebensmittel herkommen und wie sie entstehen. Dass das notwendig ist, zeigt sich zunehmend. „Es kommt immer öfter vor, dass Kinder dabei sind, die noch nie eine Kuh aus der Nähe gesehen haben“, erzählt sie. Darüber hinaus seien Tiere nicht nur faszinierend, sondern auch „Türöffner“, wie Kothbauer berichtet: „Hin und wieder habe ich Gruppen mit beeinträchtigten Menschen hier. Da lässt sich beobachten, wie sich durch den Kontakt mit Tieren quasi ein Schalter umlegt.“

Natürlich kommen auch lustige Äußerungen aus Kindermündern. Etwa wenn die Ohrmarken der Kälber für Preisschilder gehalten werden oder die Kinder sich wundern, dass Milch nicht einfach aus dem Supermarkt kommt.

Arbeitsstunden werden nicht gezählt

Jetzt fährt der Bus ab. Für Sandra Kothbauer ist der Arbeitstag noch nicht vorbei – auch wenn er so wie jeden Tag schon um 4.30 Uhr mit der Stallarbeit begonnen hat. Gemeinsam mit ihrem Mann Josef (56) führt sie den Betrieb im Vollerwerb. Seit 1996 wird auch Schulmilch produziert. Beliefert werden acht Schulen und einige Schulküchen in der Region. „Von Rentabilität sind wir da weit weg“, betont Kothbauer. Vielmehr sei es die persönliche Überzeugung von der Bedeutung dieses Angebots, das sie weitermachen lässt. Wochenarbeitsstunden zählen wir nicht“, sagt sie schmunzelnd. Urlaub gibt es einmal im Jahr – mit Unterstützung des Maschinenrings.

Das vielfältige Angebot am Hof (siehe Infobox) bedeute manchmal Stress, „aber ich blühe einfach auf, wenn ich das tun kann.“ Ihr Anliegen ist klar: Verständnis für die Landwirtschaft schaffen.

Kinder spielen am Heuboden.
Fertiges Gebäck, das von Kindern geformt wurde.
Kinder streicheln eine Ziege

Ein Kind bestreicht ein Gebäckstück.

Ein Kind bestreicht ein Gebäckstück.

Kinder beim Quetschen von Getreide zu Flocken.

Kinder beim Quetschen von Getreide zu Flocken.
Sandra und Josef Kothbauer vom Erlebnisbauernhof Schwarz.
Kinder streicheln eine Ziege
Kinder bei der Jausenpause

Kinder im Seminarraum am Erlebnisbauernhof Schwarz.

Kinder im Seminarraum am Erlebnisbauernhof Schwarz.

Kinder beim Weckerlformen.

Kinder beim Weckerlformen.

Der Erlebnisbauernhof Schwarz

Der „Erlebnisbauernhof Schwarz“ liegt in Münzkirchen im Innviertel (OÖ). Bewirtschaftet werden 38 Hektar Grünland und Acker sowie 2,5 Hektar Wald. Am Hof gibt es 40 Milchkühe, etwa 40 Jungtiere und Streicheltiere. Seit 1996 wird Schulmilch produziert. Angeboten wird: „Schule am Bauernhof“ zu verschiedenen Themen, Erlebnisnachmittage, Vermietung von Räumen für Kindergeburtstage, Seminare oder private Feiern. Info: www.hoferlebnis.at

Zur Familie gehören Sandra und Josef Kothbauer (beide 37) samt Simon (29), Lara (23) und Gabriel (20) sowie Altbäuerin Maria.

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